Editorial

Derzeit ist oft die Rede davon, dass auch Kunst und Kultur wieder »geöffnet« werden sollen. Das heißt aber nicht immer, dass Kunst und Kultur auch öffentlich wirken sollen. In Steyr wurde das Kriegerdenkmal bei der Stadtpfarrkirche im Zuge einer (genehmigten!) Kunstinstallation temporär verhüllt, um ein »Mahnmal gegen Gewalt« zu schaffen und auf die Steyrer Waffenproduktion hinzuweisen. Selbst dieser zahme Antimilitarismus bewegte den dortigen Kulturstadtrat (!) zu einem Leserbrief, in dem er sich über diese Aktion erschüttert zeigte, da es sich schließlich um ein »geweihtes Denkmal für Menschen, die im Dienste für unser Land ihr Leben lassen mussten« handelte. Ob die betreffenden Menschen mit dieser Aktion einverstanden wären, wissen wir nicht – ein längeres Leben wäre ihnen aber vermutlich lieber gewesen, als ein geweihtes Denkmal. Den tapferen Leserbriefschreiber wurmte dagegen vielmehr die Vorstellung, dass dies zur gängigen Praxis werden könnte und er stürzte sich deshalb unerschrocken ins Konditional und frug, was der armen Stadt als nächstes dräute: »Eine Tanzperformance am Renaissance-Friedhof? Graffiti-Kunst an unseren Wandgräbern? Oder Provokationskunst am jüdischen Friedhof?«

Nachdem er die Zusendung als Privatperson zeichnete, seien ihm seine persönlichen Ansichten unbenommen – eine generelle Debatte über Leserbriefe würde hier zu weit führen. Anlass zu Sorge und Ärger gibt dagegen die professionelle mediale Meinungsproduktion: Wie komplex Hintergründe in manch journalistisches Hirn hineinwirken, das lässt der hintersinnige Versorgerinnen-Journalismus-Katechismus erahnen, der die gängigen journalistischen Lehrbücher ergänzen möchte.

Aktuell sind aber selbst ahnungsfreie und überhebliche Kommentare natürlich dem frei flottierenden Irrsinn im Paralleluniversum der Corona-Verschwörungsblase vorzuziehen: Wenn es hierzulande im Es raunt, ist meist das »Gerücht über die Juden« (Adorno) nicht weit und seit den letzten Eskalationen in Gaza fusionieren die Volkssportarten »Gruppen-Spaziergang« (wink-wink, Hitlersmiley) und »Israelkritik« zum Biathlon, als dessen Zielscheibe wahl- (bzw. wahn-)weise »Corona-Diktatur« oder »jüdischer Besatzungsstaat« dienen. Eine angemessene Reaktion darauf besteht nicht im »Sorgen ernst nehmen«, sondern in Konfrontation und Polemik – Angelo von Prosten beginnt auf Seite 3 dennoch mit einer Analyse dieses Irrwitzes.

Während die Vorschrift, ein Stück Zellstoff über Mund und Nase zu tragen, Menschen scharenweise auf die Straße treibt, um gegen diese zu protestieren (auch solche, denen Gesichtsverschleierung ansonsten als ein zu schützendes Kulturgut gilt), schaffen das die katastrophalen Zustände in den Flüchtlingslagern auf Lesbos nicht in gleichem Ausmaß. Paul Schuberth hat die Flüchtlingshelferin Doro Blancke zur aktuellen Situation dort befragt. Dass das erwähnte stoffliche »Kulturgut« in Form des Hijab im Iran erst nach 1979 zur verpflichtenden Bekleidung für Frauen wurde, ist vielleicht bekannt – weniger dagegen, wie stark die Rücknahme säkularer Errungenschaften im Zuge der Islamischen Revolution tatsächlich war. Der Beitrag von Sama Maani illustriert dies eindrucksvoll.

Weiters in dieser Ausgabe:

Magnus Klaue kritisiert im zweiten Teil seiner Auseinandersetzung mit Narzissmus-Theorien die Ansätze der Psychologin Alice Miller. Wir bringen einen Auszug aus dem neuen Roman von Erwin Riess, der kommenden Herbst erscheint, Svenna Triebler knöpft sich misslingende Kulturvermittlung bei öffentlich-rechtlichen Sendern vor, Berthold Seliger räumt mit Mythen zur Ökonomie des Musikstreamings auf, Anna-Sophie Schönfelder reflektiert den Film »My Octopus Teacher«, Till Schmidt portraitiert Leo Löwenthal und Klaus Thörner Klaus Heinrich. Roland Röder kreuzt und kompostiert in seiner Kolumne Denkweisen von Critical Whiteness und Tierrechtsbewegung und Tanja Brandmayr widmet sich in ihrem Beitrag einer Stadtwerkstatt-Schau in Nantes.

Noch eine Bemerkung zum Cover: Zur Quasi-Zensur wurden wir einerseits konkret motiviert durch einen entsprechenden Vorwurf hinsichtlich gefälligst abzudruckender »Corona-Wahrheiten«. Andererseits ist der Zensurvorwurf der Fakten-Enthemmten ohnehin allgegenwärtig. Darüber hinaus sind – wie man hört – gerade in Untersuchungsausschüssen geschwärzte Dokumente schwer en vogue.

Wer wissen will, ob dieses Vorgehen eher Inquisition oder Schauprozessen entspricht, möge einschlägige päpstliche Dekrete oder stalinistische Ukasse zu Rate ziehen – wir haben im Sommer Besseres zu tun (Menschheitsfragen klären wie »Wer vorbereitet Gernot?« oder »Habts schon Mittag gegessen?«, etc.)
Für manch abweichende Ansicht gilt wie für Reisende: Man soll sie ziehen lassen. Bon voyage! meint

die Redaktion.

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