Es rettet uns kein höhres Wesen

Ein neuerer Essay des »Salvage Collective« beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Naturzerstörung und proletarischer Emanzipationsbewegung. Maximilian Johannes Hauer stellt ihn vor.

Die kausalen Zusammenhänge des anthropogenen Klimawandels sind seit den 1980er Jahren erforscht. Während einige Rechte sie bis heute leugnen, verströmte das liberale Zentrum Zuversicht. Selbstverständlich glaube man an den Klimawandel, schließlich halte man die Wissenschaft in Ehren. Doch bestehe kein Grund zur Panik. Denn mit der richtigen Herangehensweise bedeute die Krise eine Chance für grünes Wachstum und innovative Zukunftstechnologien. Sicher, irgendwo am Horizont dräuten Katastrophen ungekannten Ausmaßes. Dem stünden jedoch viele kleine Erfolge bei Plastiktüten, Strohhalmen und E-Autos entgegen. Man sei auf einem guten Weg und Herr der Lage, so die beschwichtigende Botschaft. Währenddessen stieg der globale Kohlenstoffdioxid-ausstoß von Jahr zu Jahr weiter an. Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Erst die Hitzewellen der Sommer 2018 und 2019 drängten den Klimawandel in die lebensweltliche Erfahrung vieler Europäerinnen. Die Klimabewegung fand regen Zulauf, in Deutschland avancierte das Thema Umfragen zufolge erstmals zum wichtigsten Problem der Gegenwart. Allmählich ändert sich auch die Affektlage unter dem Eindruck zunehmender extremer Wettereignisse. Berichte über »Klimaangst« machen die Runde. Neue, leidenschaftliche Stimmen verschaffen sich in der Öffentlichkeit Gehör und stören den gediegenen Optimismus der offiziellen Verlautbarungen.

So tritt Greta Thunberg als zornige Wahrsprecherin auf, die den Eliten die Maske herunterreißt: »seit 30 Jahren kommt nur Blablabla – wo hat uns das hingeführt?« Mit ihren Prophezeiungen will sie die Selbstgerechten erschüttern: »Ich will, dass ihr in Panik geratet«. Derweil begrüßt Extinction Rebellion die nahende Endzeit mit verzweifelten Totentänzen in der Fußgängerzone.

Der Romancier Jonathan Franzen schlägt dagegen in seinem Essay »What if We Stopped Pretending?« eher stille, nachdenkliche Töne an. Als Franzen zum ohnmächtigen Zeuge eines Waldbrands wurde, frappierte ihn, dass die Feuerwehr gegen die rasante Zerstörung nicht ankam. Das Gesehene verdichtete sich im Nachgang zum Symbol der Weltlage. Die gängige Phrase, man habe »nur noch zehn Jahre um den Klimawandel zu stoppen« sei heute längst anachronistisch, so Franzen. Was einst eine notwendige Ermahnung zum Handeln war, fungiert nun als seelische Plombe gegen die Einsicht, dass es zu spät ist, die Katastrophe noch abzuwenden. Die jüngeren Generationen werden den Zusammenbruch des Klimasystems voraussichtlich erleben. In dieser Situation gelte es, das globale Desaster zu akzeptieren und auf lokaler Ebene »zu retten, was man im Besonderen liebt.« Denn »so lange es etwas gibt, was du liebst, gibt es etwas, für das du hoffen kannst.«

Mit einer ähnlichen Lagefeststellung hebt auch das 2021 erschienene Büchlein The Tragedy of the Worker an. Doch wo Franzen eher elegische Töne anschlägt, kündigen das Redaktionskollektiv des britischen Salvage Magazins plakativ an, das tragische Register ziehen zu wollen. Das heißt nicht, dass die Autorinnen ihre Überlegungen in der dramatischen Form der Tragödie darböten. Vielmehr skizzieren sie in ihrem Essay eine geschichtsphilosophische Erzählung über den Zusammenhang von Naturzerstörung und proletarischer Emanzipationsbewegung, die sich lose tragischer Motive bedient: der Gegensatz zwischen der objektiven geschichtlichen Entwicklung und der Heldin (hier: das Proletariat); die unumgängliche Zuspitzung unlösbarer Konflikte; die Verschlingung von Freiheit und Notwendigkeit; unverdientes Leiden und schuldhafte Verstrickung; Kampf um Selbstbehauptung und Untergang. Das wirkt
mal geistreich, mal gesucht.

Im Wissen um die Klimakatastrophe erscheint die Geschichte des Kapitalismus den Autorinnen in einem anderen Licht. Frühere Generationen konnten den Sozialismus als Schlusspunkt einer Fortschrittsgeschichte verstehen. Im Kapitalismus herangereifte Produktionsmittel sollten nach siegreicher Revolution beerbt, die
industrielle Produktion entfesselt und eine Welt des materiellen Überflusses geschaffen werden.

Im Rückblick wird kenntlich, dass die fortschreitende Proletarisierung der Weltbevölkerung in der Verwüstung der natürlichen Lebensgrundlagen ihr Gegenstück hat. In der großen Industrie des kapitalistischen Zeitalters verschränkt sich die arbeitsmedizinisch und betriebswirtschaftlich optimierte Ausbeutung der proletarischen Körper mit der breiten Anwendung fossiler Energieträger zum Antrieb der Maschinerie zu einem hochproduktiven Apparat, der immer gewaltigere Rohstoffmengen umsetzt. Durch die Konkurrenz der Kapitale hindurch vollzieht sich die Ausweitung der Produktion, die Erneuerung der Technologie nach wissenschaftlichen Maßgaben, die Expansion rund um den Erdball. Die immer weiter ausgreifende stoffliche Seite der Produktion dient dabei als gleichgültiger Träger der Verwertung des Werts. Der immer höhere Stoffdurchsatz ist das Nebenprodukt der Aussaugung menschlicher Mehrarbeit, das Lebenselixier der Kapitalakkumulation. Diese maßlose, selbstbezügliche Steigerungsbewegung des Kapitals strebt ins Unendliche. Wie Marx bereits in den Grundrissen bemerkte, kennt das Kapital in seiner alles revolutionierenden Bewegung keine Grenzen. Es kennt lediglich Schranken, die es niederzureißen gilt.

Die sich grenzenlos aufschraubende Spiralbewegung des Kapitals gerät jedoch in einen unversöhnlichen Widerspruch mit den »planetarischen Grenzen«, die Vertreterinnen der Erdsystemwissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten postuliert haben. G – W – G‘, der Zyklus der kapitalistischen Akkumulation, zerstört den Kohlestoffzyklus des Erdsystems.

Menschliches Leben konnte sich nur unter bestimmten klimatischen Bedingungen und in Symbiose mit anderen Organismen entwickeln, führt das Kollektiv mit Rückgriff auf die Evolutionsbiologin Lynn Margulis aus. Mit einer – nach Maßstäben geologischer Zeit – atemberaubenden Geschwindigkeit schafft der Klimawandel neue, verschärfte Bedingungen des Überlebens. Wenn Ökosysteme durch den Klimawandel unter Druck geraten, zahllose Arten sich nicht mehr reproduzieren können und aussterben, droht das prekäre Gefüge des Lebens zu zerreißen, dem
die menschliche Gattung ihre Existenz verdankt.

Die Autorinnen sprechen daher vom Kapitalismus als selbstzerstörerischem »Todeskult«. Weitaus gefährlicher als die ausdrückliche Leugnung der ökologischen Krise durch rechte Spinner ist die »implizite Leugnung« des Zentrums, nach der »wissenschaftliche Erkenntnisse niemals die Akkumulation bedrohen dürfen.« Auf diesem Axiom beruhen die scheinbar aufgeklärten liberalen und sozialdemokratischen Reformprogramme, vom grünen Kapitalismus bis hin zum Green New Deal. Doch solche Versuche, den Widerspruch von Kapital und Natur zu dämpfen, verschieben die ökologische Krise lediglich, ohne ihren Treiber anzutasten.

Angesichts trüber Aussichten richten sich manche, wie Franzen, in stoischer Resignation ein. Andere fliehen in die illusorische Harmonie religiöser Transzendenz. New Materialism und indigene Kosmologien dienen als Stichwortgeber eines »welthistorischen Achtsamkeitstrainings«. Die Seele richtet sich kontemplativ an ganzheitlichen Weltbildern auf, während die Wirklichkeit vor die Hunde geht. Die Autorinnen begrüßen zwar die Zuwendung zu ontologischen Fragen, können einer Verklärung der Natur zum harmonischen Ganzen aber nichts abgewinnen: »Idealisieren Sie ‚Mutter Natur‘ und sie – oder es – niest Ihnen eine Pandemie ins Gesicht.« In der Zuwendung zur Natur soll es nicht um spirituellen Kitsch, sondern um die Anerkennung der unwiderruflichen Abhängigkeit des Menschen von den natürlichen Lebensgrund-lagen gehen. Theoretisch drückt sich dies in einer programmatischen (Wieder-)Annäherung von Natur- und Gesellschaftswissenschaften aus, wie sie für den Materialismus der marxistischen Klassiker noch selbstverständlich war.

Politisch führt der einzige Ausweg durch eine Eskalation des Klassenkonflikts, die dem Kult ein Ende setzt. Die Kommunistinnen von Salvage propagieren hier einen revolutionären Pessimismus im Sinne Walter Benjamins. Benjamin hatte bereits 1928 in seiner Aphorismensammlung Einbahnstraße hellsichtige Korrekturen am Begriff des Klassenkampfes vorgenommen. Verharmlosend sei demnach die Vorstellung, es handle sich dabei »um ein Ringen, nach dessen Ausgang es dem Sieger gut, dem Unterlegenen aber schlecht gehen wird.« Denn »ist die
Abschaffung der Bourgeoisie nicht bis zu einem fast berechenbaren Augenblick der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung vollzogen (Inflation und Gaskrieg signalisieren ihn), so ist alles verloren. Bevor
der Funke an das Dynamit kommt, muss die brennende Zündschnur durchschnitten werden.«

Doch was, wenn das Dynamit schon gezündet hat? Einst hatte das Proletariat eine Welt zu gewinnen. Heute, da erstmals die Mehrheit der Weltbevölkerung der lohnabhängigen Klasse zugehört, hat dieser potentielle Totengräber der bürgerlichen Ordnung bald wohl nur noch einen Friedhof zu erben – so die Pointe. Hätte die Oktoberrevolution sich vor über hundert Jahren zur Weltrevolution ausgeweitet, die brennende Zündschnur hätte noch rechtzeitig durchschnitten werden können. Interessant lesen sich in diesem Zusammenhang die Hinweise auf weitgehend vergessene ökologische Bestrebungen der jungen Sowjetunion, vor ihrer stalinistischen Deformation.

Jeder zeitgenössische sozialistische Versuch muss mit einem ökologisch versehrten Planeten rechnen und seine Politik dementsprechend anpassen. Die gegebenen Umstände erfordern einen »Salvage Communism«, was sich etwa als Rettungskommunismus übersetzen lässt. Um eine komplette Verwüstung abzuwenden, sind wahrhaft titanische Anstrengungen nötig, vergleichbar den Heldentaten der antiken Mythologie. Wiederholt greifen die Autorinnen auf das Beispiel Prometheus‘ zurück, der sich gegen die Götter auflehnte, als er den Menschen das Feuer brachte. In einer konventionellen Lesart gilt Prometheus als Ahnherr eines rücksichtslosen Produktivismus; in der ökologischen Diskussion dient »Promethismus« dementsprechend als Vorwurf. In ihrer eigenwilligen Aneignung des Prometheus-Stoffes argumentieren die Autorinnen sowohl gegen technikskeptische Nostalgiker, als auch gegen sogenannte Ökomodernisten wie Leigh Phillips oder Aaron Bastanis Fully Automated Luxury Communism.

Während die Rettungskommunistinnen technologische Phantasie, Neugier und Schöpfergeist bejahen, gehen sie mit der Wachstumsorien-tierung von Phillips & Co hart ins Gericht. Ein künftiger Sozialismus wird einen gesellschaftlichen Stoffwechsel mit der Natur schaffen müssen, der die planetarischen Grenzen berücksichtigt. Die vordringliche Aufgabe besteht nicht in der Bereitstellung von noch mehr »stuff«, wie Phillips meint, sondern in langwierigen Reparaturarbeiten, soweit dies überhaupt möglich ist. Wer einen gut gefüllten Warenkorb als Sozialismus verkaufen will, ist im Hinblick auf die Subjektivität nicht prometheisch genug. Unhinterfragt setzt sie die besitzindividualistische Kultur der bürgerlichen Gesellschaft und verlängert so die Reduktion des menschlichen Wesens auf den »Sinn des Habens« (Marx, Pariser Manuskripte).

Salvage besingt dagegen eine umfassendere prometheische Mission des Proletariats, das als echte Kulturheroin nicht nur den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt voranbringen, sondern eine neue Zivilisation stiften soll. Diese epochale Transformation hin zum Proletarozän umfasste »eine Revolution der Art und Weise, wie wir den Stoffwechsel mit dem Planeten regulieren, wie wir uns auf die materielle Welt beziehen, was wir essen, wie wir reisen, was wir für gut und angenehm halten. Eine vollständige, unumkehrbare Umwertung aller Werte.« Im Zuge dessen wird sich auch das Verständnis von Glück, Reichtum und Überfluss wandeln.

In ihrem anregenden, dichten Essay verweben die Autorinnen heterogene Fundstücke zu einer großen Erzählung, die sich um Belege nicht schert und Pathos nicht scheut. So fruchtbar dies für eine allgemeine Orientierung sein mag, so wenig hilft der Text in Hinblick auf das politische Vorgehen weiter. Zwar wirft das Kollektiv einige Schlaglichter auf die Geschichte ökologischer Klassenpolitik in amerikanischen Kohlerevieren und italienischen Chemiefabriken. Doch Näheres zum empirischen Bewusstseinsstand der Lohnabhängigen und eine gründliche Auswertung gegenwärtiger Taktiken und Organisationsversuche sucht man vergebens. Bei aller Sympathie für ihren roten Mythos bleibt daher nach der Lektüre ein schaler Nachgeschmack zurück.

Literatur

  • Jonathan Franzen: What If We Stopped Pretending? London, 2021.
  • Salvage Collective: The Tragedy of the Worker. Towards the Proletarocene. London / New York, 2021.