Der Film Herzblutwiese Stadtwerkstatt wurde im Mai als Installation und Screening auch beim Netzkulturfestival AMRO 2026 Becoming Unreadable gezeigt - unter anderem wegen der Thematisierung von Kunst, Technologie, Netzkultur und Open Access im Film. Dieser Fokus beabsichtigte, einen Teil der langen feministischen tech-affinen Geschichte der freien Kulturszene in Linz herauszuarbeiten. Die Versorgerin hat Aileen Derieg, die selbst Teil dieser Tech-Geschichte ist und im Film auftritt, gebeten, einen vertieften Blick auf die Entwicklungen und die Protagonistinnen zu werfen.
Meine persönliche Faszination für Computertechnologie begann vor 49 Jahren, als ich neben meinem Theologiestudium in San Francisco einen Einführungskurs in Informatik belegte. Ergänzend dazu wurde ich einer Lab Group zugeteilt, wo wir Programmieren in Basic lernten. Als einzige weibliche Person in der Gruppe, noch dazu eine ungeschminkte Studentin der Geisteswissenschaften in einer alten Jeans-Hose, wurde mir schnell klar, dass ich in dieser Gruppe ein unwillkommener Fremdkörper war, aber meine Begeisterung blieb ungebrochen. Und auch außerhalb der Informatik gab es 1977 kein Verständnis dafür, dass eine junge Theologin sich mit Computern beschäftigen wollte. Köpfe schüttelnd, belustigt: »Aileen hat schon wieder irgendwelche seltsamen Ideen.« Meine Faszination war aber so stark, dass ich sie noch nicht teilen musste.
Mit dem Wechsel von San Francisco nach Innsbruck musste ich dieses spezielle Interesse aber dann zunächst doch auf Eis legen, weil die Theologie und die Informatik in Innsbruck nicht nur räumlich noch viel weiter voneinander entfernt waren. Als aber Anfang der 1980er Jahre die ersten programmierbaren Gadgets auftauchten (hauptsächlich bei den Partnern meiner Freundinnen), war ich schon wieder dabei. Ich habe mir kein Gadget leisten können, aber ich wollte (wieder zur Erheiterung aller) alles ausprobieren. Bis ich dann 1985 in Linz landete, tauchten elektronische Geräte zunehmend überall und in allen Bereichen auf, und obwohl ich immer noch kein Geld hatte, wollte ich wissen, wie alles funktioniert. Das verstand immer noch niemand.
Aber dann ist es mir doch gelungen, eine weitere Person mit meiner Begeisterung anzustecken. Nachdem ich 1986 den Geigenbauer Peter Hütmannsberger geheiratet hatte, kauften wir gemeinsam unseren ersten PC – allerdings ohne Festplatte, weil die zusätzlich 100 Schillinge (heute ca. 7 Euro) gekostet hätte, und so viel Geld hatten wir nicht.
Bei einer oberflächlichen Betrachtung hat Geigenbau scheinbar genauso wenig mit Computertechnologie zu tun wie Theologie, und somit waren wir zumindest zu zweit. Dann entdeckte ich Anfang der 1990er Jahre E-Mail, und nachdem ich Peter überzeugt hatte, dass wir unbedingt eine Internetverbindung brauchen, waren wir mit unserer Neugierde und Begeisterung bald nicht mehr nur zu zweit. Ab dann ging es immer schneller, aber unsere Interessen und Fähigkeiten begannen sich auseinander zu entwickeln. Nachdem ich mich als Übersetzerin 1994 selbständig gemacht hatte, wurde ich eingeladen, an der Übersetzung einer Neuauflage eines der ersten Bücher über Linux mitzuarbeiten. Von Linux wusste ich zwar nichts, aber ich hatte schon eine E-Mail-Adresse und wusste zumindest, was ein Betriebssystem ist und warum es wichtig ist.
Von Linux, einem freien und offenen Betriebssystem, das mittlerweile als größte quelloffene Software der Welt gilt, war ich sofort begeistert. Für mich waren die Ideen und Prinzipien eine feministische Strategie, und ich wollte unbedingt irgendwie an der Weiterentwicklung beteiligt sein. Während ich an der Übersetzung arbeitete, hatte Peter angefangen, die mitgelieferte CD auszuprobieren. Dann haben wir versucht, unsere mittlerweile drei Computer miteinander und dann mit dem Internet zu verbinden. Aus diesen ersten Experimenten wurde schließlich ein
Server, auf dem wir bis Peters Tod 2011 an die 60 Domains hosteten.
Bis heute hält sich die weit verbreitete Annahme, dass ich mein Technologiewissen von Peter gelernt hatte. Wie kam es dazu?
Im Film Herzblutwiese erzählt Gabi Kepplinger von ihrer Technologiebegeisterung, eine Erzählung, die ich voll und ganz nachvollziehen kann, aber dann stellt sie fest: Die Männer waren immer lauter und schneller, immer lauter und schneller. Auch da kann ich ihr nur zustimmen.

Die Herzblutwiese als Installation bei AMRO 2026 »Becoming Unreadable« (Bild: tanjab)
Mit unserem Eintritt in die damals neue Welt des Internets fanden Peter und ich mehr Menschen, die unsere Begeisterung teilten, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Während Peter bei einschlägigen Mailinglisten und IRC-Kanälen freudige Aufnahme fand, und während sein Beruf nicht als seltsam galt, sondern nebenbei als interessant, fand ich mich mitten in »flame wars«, wo ich zum Beispiel verteidigen musste, dass ich bei der Übersetzung eines Computerbuches geschlechtsneutrale Beispielnamen statt der ursprünglich ausschließlich männlichen Namen verwendete (obwohl der Autor sich bereits für den Vorschlag bei mir bedankt hatte). Und überhaupt galten meine Übersetzungen nicht als Beitrag zur Freien Software, sondern lediglich als reproduktive Arbeit. Dass ich Theologin bin, war also offensichtlich nie das eigentliche Problem.
Wo waren andere Frauen, die meine Begeisterung teilten? Wie sollten wir uns finden?
Während ich mehr Frauen international und online fand, war ich in Linz doch auch nicht allein. Obwohl ich mich nicht mehr erinnern kann, wo oder wie wir uns eigentlich kennengelernt haben, ist mir Gabi Kepplinger zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem spektakulären Projekt »Checkpoint 95« aufgefallen. Weiter gewachsen ist meine Bewunderung für sie durch das Projekt »Clickspace«, und es war aufregend, zumindest ein bisschen dabei sein zu können. Gabi war dann für mich immer ein Orientierungspunkt. Deswegen überrascht es mich bis heute immer wieder, wie selten ihr Name an erster Stelle steht. Da stimmt für mich etwas nicht, und der Verdacht liegt nahe, dass »die Männer immer schneller und lauter waren«.
Nach dem Kulturmonat 1998, mit den Vorgesprächen zum ersten Linzer Kulturentwick-lungsplan wurden die Vernetzungen in Linz noch einmal gestärkt. Aus den Diskussionen zum Kapitel »Für eine Symmetrie der Geschlechter«1 entstand die Mailingliste FAKULTÄT – Frauen aus Kultur und anderen Tätigkeitsfeldern. Es folgte ein reger Austausch über Kulturpolitik, Weltpolitik, Stellenangebote, Entwicklungen im Raum Linz, internationale Einreichungsmöglichkeiten und viele anderen Themen, welche die Linzer Frauen bewegten. Und plötzlich waren wir viele und hatten viel zu sagen und viel zu tun. Auch wenn sich nicht alle als explizit tech-affin bezeichnen würden, war die Bereitschaft, sich die neuen Tools im Internet anzueignen, doch sehr groß.
Ab 2005 übernahm dann Ushi Reiter die Geschäftsführung von servus.at, genau die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Mitte bis Ende der 1990er Jahre entstanden überall unabhängige Server und sogenannte »Art Servers«, aber Anfang der 2000er Jahre verschwanden sie nach und nach von der Bildfläche, was auch Thema bei AMRO 20222 war. Dass servus noch existiert und sogar blüht und gedeiht, haben wir meiner Meinung nach nicht nur, aber doch ganz wesentlich Ushi zu verdanken.3 Als tech-affine Künstlerin hat Ushi Veranstaltungen und Projekte organisiert, die Geeks und Kunstschaffende gleichermaßen ansprechen und zusammenbringen, die sich somit wunderbar ergänzen und gegenseitig anregen.
Außerhalb von Linz war für mich die Begegnung mit Donna Metzlar extrem wichtig. Durch Donna habe ich Kontakt zur Genderchangers Academy in Amsterdam bekommen, und anschließend wurde ich Teil der internationalen Eclectic Tech Carnival-Community.4 Als ich auf Einladung von Cornelia Sollfrank 2006 in Berlin bei der Wizards of OS-Konferenz war, habe ich dort Tatiana aus Brasilien kennengelernt, und irgendwann erkannten wir, dass wir uns bereits von der ETC Mailingliste kannten. Wir hatten nämlich beide kurz vorher den Wunsch geäußert, auch einmal ein ETC veranstalten zu können. Als wir durch die Konferenz gingen, merkten wir, dass auch diese Konferenz Menschen aus fernen Ländern eingeflogen hatte, ohne Kontakt zu anderen Menschen aus denselben Ländern vor Ort aufzunehmen. Ich erzählte ihr dann von MAIZ,5 einer autonomen Selbstorganisation von und für Migrantinnen in Oberöster-reich, und gemeinsam haben wir angefangen, die Idee zu spinnen, dass wir ein vernetztes ETC gleichzeitig in Salvador/Brasilien und in Linz/Österreich organisieren könnten.
So sehr mich diese Idee begeisterte, im Zug nach Linz zurück kamen mir schon die ersten Zweifel, ob so etwas überhaupt realistisch wäre. Aber am nächsten Tag habe ich trotzdem Ushi und Rubia Salgado von MAIZ angerufen und ihnen von der Idee erzählt. Zu meiner großen Überraschung haben beide sofort ja gesagt: Ja, das machen wir.

Aileen Derieg thematisiert den ETC im Film. (Bild: Filmstill aus Herzblutwiese Stadtwerkstatt)
Obwohl wir eng in Verbindung geblieben sind, waren die Frauen in Salvador schließlich um einiges schneller, und ETC Salvador fand schon im Jänner 2007 statt. Wir konnten in Linz alles verfolgen, aber wir waren noch in der Organisationsphase. Im Kernteam für die Organisation waren wir vier Frauen: Ushi von servus, Christiane von MAIZ, Anna von der Stadtwerkstatt und ich. Chris hatte die Aufgabe, die portugiesische Kommunikation aus Salvador zu vermitteln. Dass die Verständigung im Team auf Portugiesisch, Deutsch und Englisch erfolgen musste, war uns von vornherein klar. Dass Italienisch dazu kam, war eine Überraschung, aber nachdem Chris und Anna sich lieber auf Italienisch verständigten, haben wir uns damit abgefunden, dass die gesamte Organisationsarbeit viersprachig durchgeführt werden muss. Auch das braucht Zeit.
Was uns auch überrascht hat, war, wie gut die Vernetzung unter Frauen in Linz funktioniert. Durch unsere bestehenden Kontakte haben wir schließlich den Teilnehmenden eine kostenlose Unterkunft in einer Schule in der Nähe und auch die kostenlose Nutzung der Linzer öffentlichen Verkehrsmittel mit unserem ETC-Button bieten können. Die Stadtwerkstatt und MAIZ haben Räumlichkeiten und servus.at die technische Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Eclectic Tech Carnival 2007 in Linz wurde zu einem derart großen Erfolg, dass nachher die mögliche Gefahr einer »festivalisation« diskutiert wurde. Dennoch hatten wir in Linz das Gefühl, es hat niemand gemerkt, dass in Linz etwas geschehen ist. Außer Berichten, die wir selbst geschrieben haben,6 gab es keine Medienaufmerksamkeit, keine Diskussionen … endlich waren die Frauen aus dem Weg, also weiter mit »business as usual«. Das aber nicht ganz: Unter dem Titel »Eclectic Tech Carnival 2008« schrieb Ushi in der Versorgerin #787: »Vom 27.06.2008 bis 29.06.2008 werden die LINUXWOCHEN unter dem Motto ‚Art meets radical Openness!‘ in der Kunstuni stattfinden.« The rest is history …
Auch wenn es nicht offensichtlich ist, nicht unmittelbar lesbar, bis jetzt nicht groß gefeiert wurde, haben wir tech-affinen Frauen in Linz doch eine lange Geschichte, und wir wissen, wie wir uns finden, wenn wir uns brauchen.
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Das war AMRO 2026 Becoming Unreadable: https://radical-openness.org/
Die Herzblutwiese bei AMRO 2026: https://radical-openness.org/en/programm/2026/film-screening-herzblutwiese-stadtwerkstatt
Und als Open Call: https://newcontext.stwst.at/projects/staging_herzblutwiese_amro_2026