Zuerst zu einem früheren Jubiläum: Die Versorgerin Nr. 100 wurde im Dezember 2013 mit einem Extra-T-Shirt und dem darauf abgedruckten Spruch »I prefer not to« gefeiert. Verweigerer:innen aller Länder wissen Bescheid, der Spruch stammt aus »Bartleby, der Schreiber« von Herman Melville, einer Erzählung von 1853. Der rätselhafte Bartleby, ein fast verstummtes Individuum im tendenziell gefängnisartig dargestellten Büro erledigt seine Arbeit als Schreiber. Er verweigert aber alles andere, jede Abweichung, Mehrarbeit, Auskunft, soziale Interaktion, Solidarisierung, sogar Hilfe, und stirbt dann an etwas wie Rückzug vom Leben. Und man erfährt am Ende: Er hat zuvor in einem Büro für unzustellbare Briefe gearbeitet, in einem Dead Letter Office. Alles bleibt grotesk und rätselhaft. Und wir, die wir vom Spruch »I would prefer not to« meist gehört haben, bevor wir die Erzählung je gelesen haben, wir, die wir uns Bartleby immer eher als aufmüpfig und kämpferisch vorgestellt haben, fragen uns nun: Bartleby, der Verweigerer, ein erster Autist im aufstrebenden Kapitalismus, quasi schockstarr geworden, weil im 19. Jahrhundert der gerade entstehenden Wall Street ansichtig? Und: »Bartleby, der Schreiber«, eine Erzählung über das eingeschränkte Leben, auch heute, im mittlerweile hyperskalierten Turbokapitalismus? Das T-Shirt zur 100. Ausgabe hat sich jedenfalls Kurt Holzinger ausgedacht, damaliger Redakteur der Versorgerin, selbst in seinem Wesen widersprüchlich, gleichermaßen zutiefst humanistisch als auch unversöhnlich auf die Welt blickend. Kurt Holzinger, einstiger Willi-Warma-Sänger, und in alle Richtungen äußerst belesen, kam zu Beginn der 2000er in die Stadtwerkstatt, wegen des, ja, damals noch »Versorgers«. Kurt Holzinger hatte dann in dieser #100 vom Dezember 2013 die früheren STWSTler:innen Georg Ritter und Gabi Kepplinger eingeladen, sich an die Anfänge und Entwicklungen der Versorgerin zu erinnern: Und wie es in der STWST öfters gewesen zu sein scheint, entwickelten sich die Dinge, und auch der Versorger, anders, als zuerst gedacht – nämlich von einem 1990 von Rainer Krispel initiierten, in Kooperation mit anderen Häusern wie der KAPU gedachten, eher veranstaltungsbezogenem Medium hin zu einer umfangreichen Zeitung, die in den Folgejahren die Kunst, Projekte, Medienpolitik, Kulturpolitik der STWST und andere Schwerpunkte des Hauses und des weiteren Umfeldes thematisierte.

Die Versorgerin als affichierte Covers in der Kunstuni Linz (Foto: tanjaB)
Danach, ab 2005, wurde mit Kurt Holzinger, Olivia Schütz und Dagmar Schink, der »Versorger« zuerst zur »Versorgerin«; danach wurde die Zeitung in den Jahren bis 2019, bis zu Kurt Holzingers Tod, zunehmend zu einem eigenständigen Medium: immer noch mit Fokus auf STWST, Kunst, Medienkunst, linke Politik, Aktivismus und die gute alte »Transformation von Kunst und Gesellschaft«, aber auch größer gedacht in Richtung Stadtzeitung, inklusive Freie-Szene-Berichte, Widerstand und kritische Theorie. Die Stadtzeitungsambitionen in Linz wären wiederum nochmal eine eigene Geschichte – etwa mit den Stichworten Hillinger, prairie, spotsZ und anderen. Aber in Kurzfassung hatte sich, gerade aus diesen Ambitionen heraus, die Versorgerin 2015 um das Kooperationsprojekt »Die Referentin« erweitert, durch das gemeinsame Betreiben von Kurt Holzinger, Olivia Schütz und meiner Wenigkeit. Unsere Intention war wohl tatsächlich die Idee »einer Stadtzeitung«, bzw. dass über eine kritische Zeitgenoss:innenschaft anders, kontextualisierter oder in vielen Fällen schlichtweg überhaupt berichtet wurde – jenseits von Häuser-Lobbyismus und Partikularinteressen, aber dennoch in einer Haltung des generellen Nicht-Einverstanden-Seins. Nach intensiver Vorarbeit und mit der kulturpolitischen Bedingung einer Kooperation, sind die Hefte im September 2015 zum erstem Mal gemeinsam erschienen. Da wurde gerade an einem eigenen Schreibbot gebastelt, und im Versorgerin-Editorial hieß es: »Dass auch die Versorgerin mit dem Gedanken liebäugelte, eine digitale Autorin anzuheuern, lässt sich unter anderem im feinen neuen Schwesterblatt nachlesen, das sich ab dieser Ausgabe auf lokale Belange konzentriert – auch ‚Die Referentin‘ wird jedenfalls keine Locken auf Glatzen drehen«. Personell ist es dann wieder anders gekommen, als gedacht: Olivia Schütz, die die Kooperation noch als STWSTlerin maßgeblich vorangetrieben hat, ist in der STWST ausgestiegen und in die Referentin eingestiegen. Ich selbst wiederum bin über die Referentin-Kooperation mit der Versorgerin erst fix in die STWST gekommen. Mit dem Tod Kurt Holzingers, der in der Redaktion eine tiefe Lücke hinterlassen hatte, wurde Claus Harringer 2019 zum heutigen Chefredakteur der Versorgerin.

In der Vitrine: Die Versorgerinnen-Ausgaben als Buch (Foto: tanjaB)
2019 war außerdem das Jahr des 40jährigen Bestehens der STWST. Dem gingen intensive Auseinandersetzungen voraus – was eben nicht unter den ambivalenten Terminus Jubiläum gesetzt wurde, sondern unter »Stay Unfinished«. Damit bekannte sich die STWST – gerade aus einer kontinuierlichen weiterführenden Auseinandersetzung mit Neuen Medien und New Art Contexts – zur programmatischen und künstlerischen Unabgeschlossenheit. »Unfertig bleiben, gegen die Fertigen« inkludierte jedoch auch ein klares Bekenntnis zu Archivarbeit, Kontextualisierung und Geschichte – Franz Xaver, Tomi Lehner und ich trieben hier im Kern die Archivarbeit zu dieser Zeit voran. Um hier aber auf die Versorgerin zurückzukommen: Über verschiedene analoge und digitale Auffindungs- und Verarbeitungsprozesse wurden 2019 alle Ausgaben zu einem Buch in beachtlicher Größe gebunden, das Buch wurde 2020 fertiggestellt. Und das ist bezüglich Zeitung auch noch zu sagen: Neben den bereits erwähnten Menschen sollen hier auch die großartigen Grafikerinnen Astrid Benzer für die Versorgerin und Lisi Schedlberger für die Referentin genannt sein, sowie der neueste Redaktionszuwachs Ralf Petersen. Und abschließend: Das Coverbild dieser 150. Ausgabe zeigt einen beeindruckenden Act der AMRO-Nightline, die im Mai in der STWST gelaufen ist: Vor der tanzenden Crowd performte die Pastagang mit »You must delete«. Weil das wiederum eine treffliche Aussage eines heutigen Bartlebys sein könnte – stur, unbestechlich und immer noch auch ein wenig rätselhaft – haben wir die »150« mit einem dazugedachten »Dance!« in dieses Coverbild montiert.

Und um abschließend noch ein wenig Zahlenspiel zu betreiben: Mit dem Jahr 2029 und den 50 Jahren STWST, die dann ins Haus stehen, bauen wir jetzt schon mit 150 Jahren Stadtwerkstatt in die Gegenwart eines Übermorgen ins Jahr 2129. Und zwar, weil es auch dann noch mit programmatischer Unabgeschlossenheit heißen sollte: »Das Ganze ist die Kunst. Gesamtkunstwerk nicht fertig geworden«. Meiner Meinung nach eine der wesentlichsten Kontinuitäten und einer der produktivsten Widersprüche, um die es im autonomen Kulturbetrieb gehen kann – und über die nicht zuletzt in 150 Ausgaben Versorgerin immer wieder berichtet wurde.
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Aktuelles Versorgerin-Archiv: https://versorgerin.stwst.at/archiv
Alle vorhandenen Ausgaben der Versorgerin: https://newcontext.stwst.at/history/versorgerin_archiv
Erweiterter Bildhinweis: Das Projekt Die Versorgerin als Buch war zuerst Teil von »MMXIX – 40 Jahre STWST – Archiv und mehr« im Rahmen von »2019 – 40 Jahre STWST – STAY UNFINISHED«. Das Projekt verweist auf das analoge und digital vorhandene Archiv der Versorgerin. Es wurde in Folge weiterbearbeitet und in mehreren Ausstellungen gezeigt. Etwa im Rahmen der Kunstuniversität Linz innerhalb des Formates »BestOFF - Radical Collective« im Oktober 2023.
Die Versorgerin als Buch, 124 Covers und 10 Mio Chars: https://newcontext.stwst.at/veranstaltungen/versorgerin_buch_und_covers
STWST at BestOFF - Radical Collective: Oktober 2023 https://newcontext.stwst.at/projects/bestoff_2023_-_radical_collective