Mit dem Spirit des Rock’n’Roll

Seit 1. April ist Gabi Kepplinger in Pension. Otto Tremetzberger über die langjährige DORFTV-Geschäftsführerin und Freie-Szene-Kapazunderin.

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Kürzlich wurde der Film »Herzblutwiese Stadtwerkstatt«, von dem an anderer Stelle in dieser Ausgabe bestimmt auch die Rede sein wird, ein Essayfilm von Claudia Dworschak und Tanja Brandmayr, der die Geschichte der Stadtwerkstatt aus feministischer Perspektive erzählt, uraufgeführt.

In dieser gelungenen Erzählung über Gleichstellung, Sichtbarkeit, Wertschätzung & Repräsentanz, und den damit verbundenen Erfolgen und Enttäuschungen, ist Gabi Keppplinger zweifellos eine eindrückliche Protagonistin.

 

Als für den Film »Herzblutwiese Stadtwerkstatt« gedreht wurde, schon längst Geschäftsführerin von DORFTV: Gabi Kepplinger vor dem STWST-Projekt Checkpoint 95. (Bild: Filmstill Herzblutwiese Stadtwerkstatt)

 

Eine, die in diesem kräfteräuberischen Biotop Stadtwerkstatt ihren eigenen Weg gefunden, sich emanzipiert hat, in schwierigen Situationen Verantwortung übernommen hat, Spiel- und Handlungsräume für sich und andere erweitert und nicht verengt hat, und sich dabei ihrer Rolle in dieser komplexen Gemengelage sehr bewusst war, als Frau, die feministisch positioniert, integrativ und kooperativ handelt, die in dieser, wie mir scheint, durchaus typischen, niemals wirklich konfliktfreien Geschichte von Subkultur (ich mag den Begriff), vielleicht im Augenblick, aber letzten Endes doch keinem der unterschiedlichen und im Film schemenhaft (und also eindringlicher) bleibenden Lager zugeordnet ist, eine Frau, die nicht an den Strukturen gescheitert, die nicht verbittert geworden ist, die nicht gebrochen hat und nicht weggegangen ist.

Jahre vor dem Start von DORFTV (2010) war Gabi Kepplinger maßgeblich an den TV-Projekten der STWST beteiligt. Über ihre damalige Rolle sagt sie im Film:

»Diese Fernsehprojekte und diese Moderationen hab ich ja nicht als Redakteurin gemacht. Sondern, die hab ich wirklich eher als Musikerin gemacht, auch mit dem Spirit des Rock‘n‘Roll. Ich schau in die Kamera und hab mir dann vorgestellt, wow, da schau ich jetzt durch und da schau ich auf ganz viele Menschen und das war ziemlich faszinierend, in diese Linse hineinzuschauen.«

Als Musikerin auf einer Bühne, im Zusammen- und Wechselspiel mit anderen Musizierenden, und in Kommunikation mit einem Publikum: Mit diesem von ihr im Film selbstgezeichneten Bild und in dieser Rolle kann man sich Gabi Kepplinger nicht nur als Stadtwerkstattlerin, sondern auch – in einer ihrer späteren Funktionen – als Mitgründerin und Geschäftsführerin von DORFTV sehr gut vorstellen. Die Geschäftsführung hat Gabi Kepplinger nun nach 16 Jahren Tätigkeit mit 31.12.2025 an Kathrina Becker übergeben. Seit 1. April ist Gabi Kepplinger in Pension.

Produktive Kontinuität

Die Würdigung einer Person zum Pensionsantritt ist an sich schon irritierend, umso mehr bei einer Protagonistin der Subkultur, der Freien Szene, des Dritten Sektors, des Nichtkommerziellen Rundfunks … wie immer man dieses komplexe, diffuse und zwischen Kunst, Aktivismus, Spaß und Politik diffundierende Feld beschreiben mag, worin wir uns seit Jahrzehnten bewegen.

Das Vergangene Revue passieren zu lassen, abzuschließen, und aus der Distanz auf das Erreichte zurückblicken, eine Art Schlusspunkt setzen, den Anfang eines neuen Abschnittes bestimmen … das würde vermutlich dem Zugang entsprechen, den wir aus unserem Alltag der anderen Zusammenhänge kennen.

In der Kunst und auch in der Freien Szene (in dieser, in den 1980ern und 1990ern entstandenen sozialen Blase ist Pension naturgemäß noch etwas ziemlich Neues) ist es aber eher so, dass Menschen nur dann buchstäblich in die Pension verschwinden, wenn sie einen Bruch, den
es eigentlich längst schon gab, irgendwann doch auch offiziell vollziehen (müssen).

Ansonsten wird es vorgezogen, sich mit der Ruhe nicht abzufinden, nahtlos fortsetzen zu wollen und also als ehemalige Direktoren und Intendanten (kein Gendern nötig) noch viele Jahre keine Ruhe zu geben. Mal im Positiven, mal im Negativen.

Es fällt schwer, sich Gabi Kepplinger in der einen oder in der anderen Ruhestandsvariante vorzustellen. Dass sie die operative Verantwortung nun gerne auch hinter sich lässt, ist ihr abzunehmen. Es wäre aber nicht ihr, und auch nicht das durch und durch auf das Prozesshafte hin konditionierte Wesen der Freien Szene, Projekte, in welcher Form und Funktion auch immer, überhaupt irgendwann einmal abzuschließen. Dieses Wesenhafte ist ein Denken weniger in Brüchen und Übergängen, als vielmehr in Kontinuitäten und im ständigen sich und andere und anderes Weiterentwickeln. Echte Brüche geschehen, wie im Schatten der Herzblutwiese, höchstens und dann ausnahmsweise im Streit. Denn alles ist verhandelbar, alles ist im Fluss, nichts ist endgültig.

Eine Ambivalenz, die manchmal schmerzhafter, meistens aber stärker, mächtiger und fast immer nachhaltiger ist, als der sogenannte Generationenwechsel, seinerseits selbst ein sehr ambivalentes Phänomen, das irgendwie auch nie aufzuhören scheint.

Mindestens zwei Stadtwerkstatt-Generationenwechsel, von denen ich (»Kontinuität«) nichts oder jedenfalls zu wenig mitbekommen habe, erschlossen sich mir aus »Herzblutwiese«. Kurzum: Ohne eine solche produktive Kontinuität keine 40 oder 50 Jahre Stadtwerkstatt – und keine 16 Jahre DORFTV.

Dinge und Funktionen und Unternehmen, auch die gemeinnützigen, werden einmal übergeben werden müssen. Eine Übergabe, die eben keine Abkehr ist: »Wenn man etwas weitergibt«, so Gabi kürzlich bei einem Fest für Gabi in der STWST, »kommt gleich was Neues raus.«

Verbinderin

Die Freie Szene kennt die dominanten Kreativen, die Unversöhnlichen, die Lauten, die Querulant*innen, die Fahnenflüchtigen – und dann gibt es noch die Verbinder*innen, die auch den (noch) Unbekannten und Unprätentiösen und den Leisen die Türen aufmachen, und selbst den Schwierigen und den ganz Schwierigen immer noch ein Stück weit offenhalten.

Eine solche Verbinderin ist Gabi Kepplinger. Nicht wenige und heute nicht unbekannte Player*innen hat sie in die Stadtwerkstatt, hat sie ins DORFTV und in andere Strukturen reingeholt. Auch wenn man sich auf der Herzblutwiese freilich dann selbst zu bewähren (und weitgehend auch zu befreien hat) hat: Eine Einladung muss auch einmal ausgesprochen werden!

»Man muss etwas tun. Wir müssen ins Tun kommen.«

Auf dem Schreibtisch des kürzlich verstorbene Medienmoguls Ted Turner (also auch ein Fernsehintendant), stand einer seiner markigen Management-Leitsprüche »Either Lead, Follow, or get Out of The Way«.

Turner, dem Prototypen des amerikanischen Medienmoguls, gegenüber steht die prinzipielle Offenheit von Gabi Kepplinger, der Prototypin einer Freien Szene, die dafür einsteht, den Zugang, die Türen offen zu halten. Fehler, Schwächen zur Kenntnis zu nehmen, Konflikte als etwas besser zu Vermeidendes zu sehen, aber, wenn es nun einmal doch so weit kommt, auch nicht als etwas Endgültiges zu betrachten. Brücken werden gebaut, nicht abgebaut. Allerhöchstens, dass sie einmal von selbst zusammenstürzen (müssen).

 

Burning Money: Kurz vor Sendestart von DORFTV verbrennen Gabi Kepplinger und Otto Tremetzberger spontan 500 chinesische Yuan mit dem Porträt von Mao Zedong. Das Verbrennen von Geld soll in Asien angeblich Glück bringen. (DORFTV ist seit 16 Jahren erfolgreich auf Sendung.) (Bilder: Otto Tremetzberger)

 

Ein Zugang, der in den Mühen der künstlerischen, medien- und kulturarbeiterischen Ebene durchaus seine Schatten wirft (»Herzblutwiese«), der aber am Ende, für den Erhalt, den strukturellen Zusammenhang, die Autonomie einer Institution dann doch meistens keine so schlechte Entscheidung ist.

Es handelt sich, um noch einmal auf Ted Turners Credo als Referenz zurückzukommen, hier dann eben doch um einen völlig anderen, einen besonderen Freiheitsbegriff. Eine Freiheit vor allem der unvoreingenommenen Toleranz, die Empowerment und Selbstermächtigung nicht an individuelle Herkunft, an formale Ausbildungen, an Berufserfahrungen, an Hochschulabschlüsse und an sozialisierte Führungs- und Followertalente anknüpft.

Eine Vorstellung von praktischer Freiheit, in der es egal ist, welche Biografie, welche Rucksäcke und welche Startvor- und Startnachteile jemand mitbringt. Diese Räume mögen mühsame, nicht in Kriegen, sondern in Diskussionen umkämpfte Herzblutwiesen sein, aber sie sind begehbar. Man kann, man darf hineingehen. Und man sollte sich den Diskussionen und den Auseinandersetzungen stellen. Man kann scheitern. Und ehrlich gesagt: Man kann ja sowieso nicht so einfach davonlaufen. Vor der Verantwortung. Vor der eigenen Haltung. Und vor dem Tun.

Oder in den Worten von Gabi Kepplinger: »Das Wichtigste und das Schönste und das Einzige ist: Wir müssen etwas tun. Im Kleinen das Gefühl kriegen, dass wir wichtig sind und wertvolle Arbeit leisten. Positive Perspektiven ausstrahlen!«

 

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Denkanstöße für diesen Text: Ufuk Serbest, Georg Ritter, Tanja Brandmayr.