Waffen und Kunst gehen Hand in Hand

Den neuen Gibling Nr. 15 haben Stephanie Mercedes und Heike Kaltenbrunner gestaltet. Ralf Petersen über die Scheine, die nichts weniger als Gun Destruction thematisieren.

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Der Gibling ist bekanntermaßen die Communitywährung der Punkaustria, des Währungsinstitutes der Stadtwerkstatt. Und ebenso bekanntermaßen werden die Scheine jedes Jahr von Künstler:innen neu gestaltet. Die 15. Edition der Communitywähring GIBLING ist nun im bewährten Rhythmus wieder ab 15. Juni 2026 gültig. Gestaltet wurden die Scheine von Stephanie Mercedes und Heike Kaltenbrunner, die außerdem zusammen an einer Umsetzung der Gun Destruction Opera Never In Our Image in Linz im September, im Rahmen von STWST84x12 HAUNTED arbeiten.

Wie kommt’s zur Zusammenarbeit der beiden? Die in Linz lebende Klang- und Medienkünstlerin Heike Kaltenbrunner hatte vor einiger Zeit beim Sound Scene Festival in Washington DC eine Arbeit gezeigt. Die dort ortsansässige Künstlerin Stephanie Mercedes ist auf Heike Kaltenbrunner zugekommen, da Kaltenbrunners Arbeit Orgelpfeifen inkorporierte: und mit solchen wollte auch Mercedes schon länger arbeiten. Stephanie Mercedes arbeitete damals bereits an Never In Our Image, und fragte Kaltenbrunner, ob sie Ideen hätte, wie man wohl Orgelpfeifen in ihre Oper integrieren könnte. Ihre Oper, erklärte Mercedes, sei eine vorrangig improvisierte Arbeit, in welcher als Gun Destruction Opera Schusswaffen zersägt, eingeschmolzen, und schließlich aus dem Metall neue Formen gegossen würden – und das alles, während dabei queere Performer*innen singen, tanzen, musizieren.  »Hey«, hat Heike da gedacht, »bei uns gibt es auch genug Waffen, die eingesammelt gehören«. In Folge gelangte das Projekt in die Stadtwerkstatt. Hier eine Multiperspektive auf die Oper, die Scheine und die Vorhaben – Ralf Petersen hat gefragt, die Künstler:innen antworten.

 

 

I. GELD ALS WANDERNDES MEDIUM: Jedes Kunstwerk bedient sich eines Mediums oder mehrerer Medien. Beim Gibling geht’s um Geld bzw. Währung. Bespielte Scheine sind im Umlauf, wandern durch viele Hände – welchen Faktor seht ihr als Künstler*innen bei dieser Reise der Kunstwerke?

Heike Kaltenbrunner: Traditionell werden auf Geldscheinen Motive abgebildet, die identitätsstiftend sind oder sein sollen, wie berühmte Personen oder die zu bauenden Brücken auf den Euros. Auf dem aktuellen Gibling sehen wir einen Prozess der Transformation. Eine Waffe wird zerschnitten, eingeschmolzen und in ein Klangobjekt transformiert. Besonders das Bild auf dem 2er-Schein, auf dem eine Schuss-waffe mit einer Flamme geschmolzen wird, ist sehr mächtig und kraftvoll. Der dahinterliegende Prozess ist jedoch sehr emotional – ein Akt der Trauer. Konkret wird hier, im Rahme der Oper »Never in our Image«, aus der dieses Bild stammt, ein Anschlag auf einen queeren Nachtclub betrauert. Bei diesem Anschlag kamen viele Menschen ums Leben. Hinsichtlich der Opern-Performance im September, oder auch einer noch späteren größeren Adaption der Oper für Linz, stellt sich die Frage: Was betrauern wir? Für meinen Teil kann ich sagen: ich betrauere den Holocaust, die Aufrüstung, den neuerlichen Rechtsruck in der Gesellschaft und die vielen Femizide. Daher finde ich es bedeutsam, diese Bilder und damit die Idee, Waffen zu transformieren, mit den Geldscheinen in Umlauf zu bringen. Da die Giblinge in unserem Fall auch eine Performance im September ankündigen und mitunter später ein noch weiter gefasstes Projekt, haben sie eine ähnliche Funktion wie Flyer, die ja ebenfalls ein wanderndes Medium sind. Währung ist hier auch fliegende Information über die große virulente Aufgabenstellung einer Transformation von Gewalt.

Stephanie Mercedes: Leider sind Waffen in den USA sehr leicht zu beschaffen. Waffen sind ein Produkt, das an Menschen verkauft wird. Aber was ihnen tatsächlich verkauft wird, ist Angst. Waffen sind sehr teuer. In den USA gibt es eine Lücke im Erbrecht – man braucht beispielsweise keine entsprechenden Papiere, um eine Waffe zu besitzen und weiterzugeben; in dieser Hinsicht, in der Weitergabe von Hand zu Hand oder auch der Vererbung, ähnelt es sehr der direkten Weitergabe von Geld. Da meine Tätigkeit im Wesentlichen darin besteht, Waffen zu zerstören – das ist meine Arbeit –, stoße ich oft auf wirklich alte Gewehre; vor allem solche, die über Generationen hinweg vererbt wurden. Manchmal sind sie wunderschöne Kunstwerke, manchmal haben sie aber eine wirklich schlechte Zielgenauigkeit und lassen sich nur sehr langsam
nachladen.

Wenn ich meinen Schüler:innen Metallbearbeitung beibringe, habe ich aber ein viel grundsätzlicheres Problem, etwa mit einem AR-15, einem halbautomatischen Gewehr. Denn die Ursprünge der Metallbearbeitung liegen in heiligen Gegenständen, Musikinstrumenten und Waffen. Waffen sind zwar einerseits nur Werkzeuge. Aber andererseits sieht man, dass Waffen ein Ursprung sind – und Waffen und Kunst gehen von Beginn an Hand in Hand. Und Waffen sind ein Spiegel der Gesellschaft. Ich meine, ich glaube nicht, dass Metall beschlossen hat, eine Waffe oder ein AR-15 zu werden – wir sind die Menschen, die beschlossen haben, es in diese Form zu bringen, was zutiefst problematisch ist. Letztendlich denke ich also, dass sie nur Spiegel unserer eigenen Probleme sind.

 

 

II. RECLAIMING ALS STRATEGIE: Im Rahmen der auf den Scheinen thematisierten Gun Destruction Opera wird in einem mehrstufigen Prozess das Material von Schusswaffen genutzt, um Musik zu komponieren. Dafür müssen diese Waffen zuerst eingesammelt werden. Wie zentral ist der Imperativ des Reclaimings, um z.B. Nutzungsformen wie Stahl wird zur Waffe, dekonstruieren zu können? Bzw. genauer: Wie können neue Narrative aus den zurückverlangten Materialien konstruiert werden?

Stephanie Mercedes: Wie kommt man an Waffen? Das kann ich leider nicht verraten. Ich beantworte die Frage anders, nämlich damit, dass ich hier den Gibling als Rückeroberung einer sozialen Struktur sehe. Ich bringe zuerst eine ganz grundlegende Erzählung, die mit sozialer Interaktion zusammenhängt. In einem Kindergarten habe ich mit meinen Materialien unterrichtet. Ein Kind fragte: Was wäre, wenn Metall nie eine Waffe sein wollte? Und ich fand das wirklich schön – denn viele Jahre lang dachte ich, ich nehme dieses böse Ding, ich eigne es mir an, und verwandle es in dieses »schöne« Ding. Und jetzt denke ich, dass das vielleicht ein problematischer Denkprozess war, weil ich die Schuld auf die Form schob. Und ich stelle in meiner Arbeit die Form über die Menschlichkeit. Im Grunde betrachte ich es jetzt als einen Rückführungsprozess: Ich versuche, mit Metall so zu arbeiten, dass ich ihm seine eigene Handlungsfähigkeit und seine eigene Stimme zurückgebe. Metall ist ein wirklich interessantes Material – es entsteht buchstäblich, wenn Sterne explodieren. Es hat diese wilde Entstehungsgeschichte und weiß vielleicht mehr als wir.

Heike Kaltenbrunner: Ich denke dabei an Imperative, die etwas Kraftvolles und Entschlossenes haben. ‚Die Waffen nieder!‘ oder ‚Macht kaputt, was Euch kaputt macht!‘. Das hat was. Mir fällt aber, ehrlich gesagt, noch kein wirklich passender und pointierter Imperativ zu diesem Projekt ein. Denn der Weg der Materialien fand in Österreich während der Weltkriege in die andere Richtung statt: Instrumente wurden zerstört. Glocken und Orgelpfeifen wurden eingeschmolzen, um daraus Kriegsgerät und Munition herzustellen. Nach dem Krieg folgte der Imperativ der Alliierten, die Waffen abzugeben. Daran könnte man anschließen. ‚Jetzt aber endlich her mit dem Scheiß!‘ oder ‚Waffen in die Wertstofftonne!’. Für den Fall, dass der Performance im Herbst eine größere Adaption von Stephanies Oper für Oberösterreich folgt, erscheint mir eine weniger kämpferische Sprache angebrachter – eine offene Einladung, Waffen abzugeben.

 

 

III. MEHRSTUFIGE TRANSFORMATION: Die Opera hat drei Akte, in denen das Ausgangsmaterial, die Waffen, zuerst zerkleinert, dann eingeschmolzen werden, schließlich aus dem geschmolzenen Material neue Formen entstehen können. Der Gibling bietet die Möglichkeit, einen mehrstufigen Prozess von Materialverarbeitung durchzuführen; außerdem gibt es verschiedene Scheine: 1,2,5 und 500. Gibt es da Parallelen in der Transformation von Waffen zu Klang und Entstehung von Währung?

Heike Kaltenbrunner: Die Parallele zwischen Mercedes’ Projekt und dem Gibling würde ich eher im Akt des Verbrennens sehen.

Stephanie Mercedes: Ein großer Teil der Oper drehte sich um die Dekonstruktion von Klang – und um die Beziehung zwischen Lärm und Klang. Zunächst versuchte ich, Objekte wie Glocken herzustellen, doch dann dämmerte es mir: Was ist mit dem Klang meines Schaffens-prozesses selbst? Ich arbeite jeden Tag mit Elektrowerkzeugen, und genauso, wie ich dem Metall seine Wirkmacht abgesprochen habe: Winkelschleifer, eine Säge, das Geräusch des Ofens, das Geräusch meiner Lötlampen – all diese Dinge besitzen eine erstaunliche klangliche Kraft. Es gibt nun in meiner Arbeit keinen Unterschied mehr zwischen Lärm und Musik. Vielleicht besteht eine Parallele zur Währung darin, dass der Gibling versucht, neu zu hinterfragen, was Währung überhaupt ist. Weißt du, in meiner eigenen Arbeit schütze ich auch alle meine Verträge urheberrechtlich, weil sie ebenfalls Kunstwerke sind, und ich finde es interessant, wenn die Währung sowohl nützlich als auch nutzlos ist, denn normalerweise ist ein Kunstwerk nutzlos, oder? Ich habe also das Gefühl, dass der Gibling sehr stark versucht, die Trennung zwischen Geld und Kunst neu zu hinterfragen – falls es überhaupt eine gibt – und die Art und Weise, wie Menschen Währung bewerten. Diese Idee des Hinterfragens scheint die Verbindung zwischen dem Gibling und der Oper zur Waffenvernichtung zu sein. Und für mich persönlich ist all das in meinem Klang und meinem opernhaften Prozess ein wirklich queerer Prozess. Ich denke an die Queerisierung von Materialien – vielleicht ist der Gibling auch queer, oder zumindest gibt es da einen queeren Ansatz.

 

 

IV. KULTURELLE GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE: Auch wenn das nicht so bekannt ist: Österreich hat eine der höchsten Schusswaffendichten der Welt. In den USA ist Waffenbesitz gar Grundrecht. Und zum Geld: Das ist ganz generell staatliches Gut. Hinsichtlich Geldvernichtung gibt es aber markante Unterschiede, oder sagen wir, wenn ich so einen Fünfeuro-Schein anmale. In den USA ist das Vernichten oder Verändern von Banknoten prinzipiell verboten, v.a. wegen Betrugsvermeidung. In Österreich kannst du mit deinem Geld machen, was du willst, es wird dir halt von der Nationalbank nicht wirklich ersetzt, wenn du es zerstörst. Und mehr als 15.000 Euro sollten es auch nicht sein. Aber jetzt die Frage: Ist Währungskunst gar Machtergreifung?

Heike Kaltenbrunner: Waffen und Geld sind bedauerlicherweise die zwei mächtigsten Fäden in den Verstrickungen der Weltordnung. Währungskunst ist gewissermaßen eine Machtergreifung, ja. Ein Zupfen an diesen Fäden.

 

V. GESTALTUNG GIBLING: Wir freuen uns über den neuen Gibling, wie er aussieht, sich anfühlt, wie er sich ausgeben lässt. Vielleicht wollt ihr uns in den Prozess einweihen, wie kams von der Grundlage der Opera zur Idee, dieselbe im Rahmen des Giblings darzustellen? Wie habt ihr das miteinander ausgehandelt und was ist auf den Scheinen zu sehen?

Heike Kaltenbrunner: Auf den Scheinen 1, 2 und 5 sind jeweils Szenen aus den drei Akten der Oper zu sehen. Ebenso auf dem »großen« Schein der Kunstedition, dem 500er. Die Anregung dazu kam von Tanja Brandmayr. Stephanie hat die Bilder ausgesucht, von mir kommt die Typo. Alles in allem eine sehr flüssige Zusammenarbeit.

Stephanie Mercedes: Ich habe das große Glück, mit dem großartigen Fotografen Amir Pourmand zusammenzuarbeiten, der nun meine gesamte Arbeit dokumentiert und diese Momente der Oper eingefangen hat, die sich wirklich radikal anfühlten. Was bedeutet es, ein einstündiges Stück mit einzelnen Bildern festzuhalten? Das ist verrückt. Ich habe versucht, Bilder der verschiedenen Akte zu schicken – es sollte eine bestimmte Art von Bildern auf der Währung sein. Bei einigen Bildern ist vielleicht schwer zu erkennen, was gerade passiert. Ich habe versucht, die Oper so gut wie möglich zu verkörpern. Jedenfalls habe ich die Bilder geschickt und Heike hat sie in eine Währungsform gebracht. Dritter Akt, ein Moment zwischen drei Darstellern: Ich wollte unbedingt, dass es im dritten Akt um queere Freude geht – der erste Akt ist queere Trauer, der zweite Akt ist queere Wut, die im dritten Akt eben in queere Freude übergeht. Und es ist leider wirklich schwer, ein Werk über Freude zu schaffen. Es geht hier um Britney, Peter und John. John spielt das Flashing, dieses skulpturale Instrument, das aus geschmolzenen Waffen hergestellt wurde. Es wird mit einem Geigenbogen gespielt, und Peter und Britney bringen einfach eine sehr gute Energie in das Trio, das sie gebildet haben. Peter, der Tänzer, fing an, sich immer wieder auf den Boden zu werfen. Britney sang, sie hat diese sehr markante Stimme. Es war ein magischer Moment, der den dritten Akt einfing.

Ich freue mich sehr auf die Oper in Linz. Ich weiß noch nicht wirklich, was wir machen werden; ich glaube, wichtig ist zuerst, queere Darsteller:innen zusammenzubringen, dann tauche ich mit dem Material auf und wir entscheiden einfach, was wir machen.

 

Edition Nr. 15 – GUN DESTRUCTION GIBLING

Auf der Edition Nr. 15, dem GUN DESTRUCTION GIBLING von Stephanie Mercedes und Heike Kaltenbrunner sind Szenen aus der dreiteiligen queeren Waffenzerstörungsoper NEVER IN OUR IMAGE zu sehen.

In der Oper werden Musikinstrumente und Klangskulpturen im Kontext eines Reclaimings von Waffen gefertigt. Durch das Zerschneiden, Schmelzen und die Verwendung von aus Waffen gegossenen Instrumenten werden musikalische Partituren komponiert. Mit der Transformation von Metall und Klang sowie der Inszenierung mit einer queeren Community wird die grundlegende Frage gestellt: Wie können wir Ideen und Objekte zurückgewinnen, die niemals nach unserem Ebenbild geschaffen wurden?

Gun Destruction Gibling »Never In Our Image«: Stephanie Mercedes || Bildmaterial: Amir Pourmand || Grafik: Heike Kaltenbrunner || Linz-Performance der Oper im September 2026: Stephanie Mercedes, Heike Kaltenbrunner & Guests

Heike Kaltenbrunner ist Klang- und Medienkünstlerin. Im Zentrum ihrer künstlerischen Praxis und Forschung stehen objekthafte Raum- und Klanginstallationen, die experimentelle Begegnungsräume schaffen.

Stephanie Mercedes ist eine antidisziplinäre queere Latinx-Künstlerin, die in den Bereichen Skulptur, Oper, Techno, Choreografie und Klang arbeitet. Ihre Arbeiten kreisen um das Schaffen von Ritualen der Trauer und der Befreiung.

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Der GIBLING

Kunst als Währung, Währung als Kunst:  Der Gibling ist Community-Währung und Kunstprojekt des STWST-Bankendepartments Punkaustria.

Mehr Infos: Gibling, Artists, Communitywährung, Liste aller Partner:innen-Geschäfte und Wechselstuben: punkaustria.at, gibling.stwst.at

 

 

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Geldverbrennung, Präsentation und CALL: Der GUN DESTRUCTION GIBLING Nr. 15

STWST Donaustrand, 17. Juni, 18 Uhr

Der neue Gibling No 15 von Stephanie Mercedes und Heike Kaltenbrunner ist ab 15. Juni 2026 gültig und wird am 17. Juni auf der Donaulände vor der STWST präsentiert.

Das passiert:

  • Verbrennung des alten Giblings des Kollektivs Herzblutwiese Stadtwerkstatt.
  • Eröffnung der Wechselstube der Punkdirektion, die den neuen Gun Destruction Gibling wechselt.
  • Videocall nach Washington DC: Per Stream ist Mercedes zugeschaltet. Sie erzählt über die Gun Destruction Opera und lädt die queere Community zur Teilnahme an NEVER IN OUR IMAGE im September 2026. Kommt vorbei!

 

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