Am 17. Juni 1939 wurde Eugen Weidmann in Versailles mit der Guillotine geköpft. Es war die letzte öffentliche Hinrichtung in Frankreich. Danach wurden die Todesurteile in Gefängnissen vollstreckt. Der Grund dafür war, dass Weidmanns Hinrichtung zu einer Art Volksfest wurde. Tausende Zuschauer feierten den Tod des »Killers mit den Samtaugen«, wie er genannt wurde. Der 1908 in Frankfurt geborene Weidmann hatte 1937 in Frankreich sechs Menschen ermordet. Bis heute bleiben Fragen um Weidmanns kriminelle Karriere offen. Suchte er seine Opfer vor allem unter deutschen Emigranten, die in dieser Zeit in großer Zahl in Frankreich um ihr Überleben kämpfen? Handelte er womöglich im Auftrag der Nazis, die damals schon in Frankreich ein Unterstützernetzwerk hatten? Oder waren Weidmann und seine Kumpane gewöhnliche Kriminelle, die ihre Opfer töteten, um an deren Besitz zu kommen? Diese Fragen wirft Georg K. Glaser in der Erzählung »Die Geschichte des Weh« auf, ohne sie zu beantworten. Glaser begleitete einen ehemaligen Genossen aus der antifaschistischen Arbeit in Nazideutschland zu dessen Besuch bei Weidmann. Dabei handelte es sich um Wilhelm Dörter, der in Deutschland in der linkssozialistischen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) aktiv war. Er kannte Weidmann noch aus Jugendtagen und hoffte, von ihm in Paris unterstützt zu werden.
Glaser hingegen witterte in Weidmann eine Gefahr und wollte Dörter den Besuch ausreden. Nachdem er sich damit nicht durchsetzen konnte, begleitet er ihn zu dem Treffen. In die Erzählung sind besondere Spannungselemente eingebaut, die sie zu einer wahren Kriminalgeschichte machen. So schildert Glaser sehr detailliert, wie er mit Dörtner in der Nacht aufbricht, um in einer einsamen, menschenleeren Gegend Weidmann zu treffen. »Wir drangen tapfer in die Finsternis ein, hielten uns mitten auf dem Fahrdamm und fühlten uns seltsam klein. Ab und zu beleuchtete der Abschein einer Wolke das gepeinigte Antlitz meines Weggenossen. Allein wie jeder andere, allein wie ich, jeder in einer anderen Einöde (S. 41)«. Das ist auch eine Kostprobe des illusionslosen Sounds von Georg Glaser.
Gnadenlose Desillusionierung
Glaser kämpfte als junger Mann in der kommunistischen Bewegung in Deutschland und teilte deren Niederlage, die sie durch den Machtan-tritt des Nationalsozialismus erlitt. Kurz schöpfte er noch einmal Hoffnung, als im Saarland 1934 die Bevölkerung abstimmte, ob sie zu Deutschland zurückkehren oder weiterhin unabhängig bleiben wollte. Ein großes Bündnis von Christen bis zu den Kommunisten warb für die Beibehaltung des Status Quo. Dass die Bevölkerung mit sehr großer Mehrheit freiwillig heim ins NS-Reich ging, sorgte bei Glaser für eine nachhaltige Desillusionierung. Er hatte den Glauben an die Parolen der kommunistischen Partei und ihrer Lautsprecher verloren, die noch den Sieg ihrer gerechten Sache verkündeten, als die Mitglieder schon massenhaft in Konzentrationslagern verschwanden. Von dieser radikalen Desillusionierung sind Glases Schriften durchzogen, die der Freiburger ça ira-Verlag den deutschsprachigen Lesern wieder zugänglich macht. »Die Geschichte des Weh« ist als Einstieg besonders gut geeignet. Es ist eine gute Vorbereitung auf die Lektüre von »Geheimnis und Gewalt«, das der ça ira-Verlag kommentiert herausgeben hat. 1989 ist es erstmals in vollständiger Fassung in deutscher Sprache von Michael Rohrwasser in der Büchergilde Gutenberg herausgegeben worden. Zuvor war es bereits 1951 in einem obskuren antikommunistischen Verlag erschienen, allerdings in gekürzter Fassung voller Druckfehler, wie Michael Rohrwasser in einem Nachwort schrieb. Gerade, weil das Buch in deutscher Sprache nicht vollständig zu
lesen war, erlangten Buch und Autor einen besonderen Status, wie Rohrwasser 1989 feststellte:
»Geheimnis und Gewalt hat inzwischen eine heimliche Berühmtheit erlangt; der Titel ist zum Begriff geworden. Diesen Ruf verdanken Buch und Autor nicht den Herausgebern von Literaturlexika oder der Universitätsgermanistik, sondern einigen Randgängern der Literatur wie Erich Kuby, Walter Dirks, Peter Härtling, Uwe Schweikert und Harun Farocki«. »Geheimnis und Gewalt« war in beiden Teilen Nachkriegs-deutschlands nicht wohlgelitten. Der Großteil des literarischen Milieus in der BRD der ersten Nachkriegsjahre wollte nichts von einem Autor lesen, der als entschiedener Nazigegner die französische Staatsbürger-schaft angenommen hatte und auch nach 1945 Franzose blieb. Für die DDR hingegen war Glaser ein Provokateur, weil »Geheimnis und Gewalt« auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Parteikommunismus ist, die sich durch das gesamte Buch zieht. Dabei lässt es sich aber nicht mit Texten von Ex-Kommunisten vergleichen, die vor allem ihre Mitgenossen angreifen und sich als geläuterte Verteidiger der bürgerlichen Demokratie feiern lassen. Darin liegt sicher der Hauptgrund, warum Glasers Buch lange Zeit als Geheimtipp gehandelt wurde. Nachdem es 1990 in der Büchergilde Gutenberg unter dem irreführenden Motto »Die Biographie unseres Jahrhunderts« im Verlag Stroemfeld/Roter Stern erscheinen war, wurde es schnell wieder vergessen.
Vor einigen Jahren hat der Freiburger ça ira-Verlag dankenswerte Weise »Geheimnis und Gewalt« erneut herausgebracht. Es wird auf den ersten Blick überraschen, dass ein Verlag, der vor allem ideologiekritische Werke verlegt, diesen Roman in sein Programm aufgenommen hat. Doch schnell wird klar, dass der Verlag genau die richtige Adresse ist. Denn Glasers Buch ist eben keine Biographie, sondern eine komplexe Auseinandersetzung mit Alltag und Ideologie vom Ende der 1920er Jahre bis in die 1940er Jahre. Wenngleich der Ich-Erzähler durchaus Elemente aus Glasers Leben enthält, handelt es sich doch auch um Fiktion. So war Glaser nicht für den Tod eines bekannten NSDAP-Funktionärs in seinem Wohnort verantwortlich, den der Ich-Erzähler im Roman in Panik im Frühsommer 1933 erschossen hat, nachdem dieser ihn bei einer Flugblattaktion vor der großen Fabrik gestellt hatte. Diese Aktion ist im Roman von zentraler Bedeutung. Einmal setzt sich der Autor mit der Taktik der schon illegalisierten KPD auseinander, durch gefährliche symbolische Aktionen Mitglieder zu gefährden. Zudem kritisiert Glaser, dass die KPD das Wesen der vom NS durchgesetzten deutschen Volksgemeinschaft nicht verstanden hat: »Es wurde uns aufgetragen, die jungen Menschen, denen es Auszeichnung und Heldentat war, für das Neue Reich zu bluten, schaffen und hungern zu dürfen, denen das Herz begeistert klopfte, wenn sie ein Gewehr tragen durften oder einen Kampfwagen aus der Nähe sahen, mit der Losung ‚Butter an Stelle der Kanonen‘ zum Widerstand aufzurufen. Es wurde befohlen, von denselben Arbeitern, die seit Jahren endlich wieder ein Werkzeug zur Hand nehmen durften, den ‚Streik gegen die Handlanger der Ausbeuter zu fordern‘« (S.154). Hier erfasst Glaser schon früh die Verhältnisse im NS-Regime, vor denen auch viele Kommunisten rat- und hilflos standen. Warum machen so viele arme Menschen so bereitwillig mit im NS? Warum blieben die wenigen, die Widerstand leisteten, so tragisch isoliert und allein? Auf diese Fragen gibt Glaser in seinem Buch einige Antworten. Dabei halfen ihm seine biographischen Erfahrungen, die in das Buch einflossen und dafür sorgten, dass die Figuren in »Geheimnis und Gewalt« so lebendig wirken.
Ohne Illusionen und falsche Sentimentalität
Der in Rheinhessen geborene Glaser rebellierte früh gegen den tyrannischen Vater, der schon in den 1920er Jahren Mitglied der NSDAP wurde. »Er hat acht Kinder in die Welt gesetzt und alles getan, um sie wieder abflatschen zu lassen. Meine älteste Schwester ist allein seinen furchtbaren Bemühungen zum Trotze am Leben geblieben, aber für immer entstellt« (S. 9). Gleich die ersten zwei Sätze des Romans zeigen, mit welch klarer Sprache, frei von bürgerlichen Mythen und Illusionen der Autor seinen Vater beschreibt. Dieser Sound wird die Leser über die 560 Seiten des Romans begleiten. Ohne Illusionen und falsche Sentimentalität berichtet Glaser über seine Jugendzeit, nachdem er aus dem Elternhaus mehrmals geflohen war und verschiedene Gruppen von Wohnungs- und Obdachlosen der damaligen Zeit kennen lernte. Auch hier erfuhr Glaser schnell, dass auch dort nur das Recht des Stärkeren gilt.
Der junge Glaser politisierte sich auf der Straße und vor allem in einem dieser Erziehungsheime mit reformerischen Anspruch, das im Roman den Namen Billigheim trägt. Hier findet der junge Ich-Erzähler Anschluss an verschiedene Gruppen und Grüppchen, die irgendwie die Gesellschaft ändern wollen. Auch zu anarchistischen Gruppen hat er viel Kontakt. Doch weil die ihm auf seine Frage, wie denn ihre Gesell-schaft nach einer Revolution aussehen soll, keine Antwort geben konnten oder wollten, findet er schließlich die Kommunisten überzeugender. Im Billigheim inszeniert er mit Gleichgesinnten eine Heimrevolte. Unterstützt wurde er dabei von der KPD, die aber damals im Protestflugblatt vor linken Abweichungen warnt. Doch vorerst wird der Ich-Erzähler für die Parteizeitung über die Proteste der frühen 1930er Jahre schreiben und auch erste Erfahrungen im Bund Revolutionärer Schriftsteller*innen sammeln. Eher beiläufig erfährt der Ich-Erzähler, während er für die KPD-Zeitung einen Hungermarsch von Erwerbslosen in Darmstadt beobachtet, dass Hitler Reichskanzler wurde. So werden wir langsam in die neue Zeit geführt, in der die Regeln und Erfahrun-gen seines bisherigen Lebens nichts mehr gelten werden, wie viele Antifaschisten bald schmerzlich erfahren sollten. Der Ich-Erzähler spart nicht mit Kritik an seinen Genossen, vor allem aber auch an sich selber. Dabei bewahrt er die Position eines Rebellen, der gegen alle Konventionen und Regeln angeht, die ihm nicht einsichtig sind. So empört sich der Ich-Erzähler, dass die KPD-Propaganda nach dem Reichstagsbrand den holländischen Rätekommunisten Marinus van der Lubbe zum Werkzeug der Nazis stempelt und nicht gegen seine Hinrichtung 1934 protestiert. Auch wenn bis heute über die Rolle der Naziführung und auch des jungen Holländers beim Reichstagsbrand viele Unklarheiten bestehen, hat Glaser recht, wenn er die homophobe Kampagne gegen van der Lubbe verurteilt, die von der KPD lanciert wurde. Glasers – unter dem Titel »Marinus van der Lubbe« veröffentlichtes – Drama ist nie aufgeführt worden. Übrigens: Das K. in seinem Namen steht nicht für Karl, wie es irrtümlich auf einem Informationsschild unter dem Straßennamen in Glasers Geburtsort Guntersblum heißt, sondern ist ein Andenken an seine früh verstorbene Mutter Katharina, der im Roman einige ehrende Stellen gewidmet sind.