„Ewig erscheint der Abend“

Ewgeniy Kasakow zur Bedeutung der russischen Band Shortparis, deren Sänger Nikolay Komyagin dieses Jahr gestorben ist.

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Am 20. Februar 2026 verstarb Nikolay Komyagin im Alter von 39 Jahren. Er bekam einen Herzstillstand nach dem Boxtraining. Damit verliert die 2011 gegründete Band Shortparis ihren Sänger und Russland den wohl wichtigsten politischen Künstler des letzten Jahrzehnts.

Der in der Industriestadt Nowokusnezk in der sibirischen Region Kemerowo geborene Komyagin war in seiner Jugend in der Emo-Subkultur aktiv, später gründete er diverse Bandprojekte. In Nowokusnezk lernte Komyagin auch seine künftigen Bandkollegen Alexander Ionin und Pawel Lesnikow kennen. Der studierte Kunsthistoriker Komyagin arbeitete als Geschichtslehrer, war beliebt bei Schülern wie Eltern, durchaus bekannt in der Region und hätte weiterhin als Star der lokalen alternativen Kulturszene leben können. Doch Komyagin und seine Mitstreiter beschlossen einen radikalen Neuanfang. Sie zogen 2010 nach Sankt-Petersburg, stampften alle bisherigen musikalischen Projekte ein und arbeiteten ein Jahr lang am Konzept einer neuen Band.

Was danach die Welt erblickte, wirkt zuerst wie eine technisch sehr ambitionierte Erscheinung neuester New Wave-Nostalgie. Zusammen mit der dazu gestoßenen Danila Cholodkow sang Shortparis zuerst auf Englisch und Französisch, kombinierte elektronische Klänge mit Anlehnungen an französischen Chanson und erreichte so schnell die Anerkennung des Publikums in Russland und Europa. Es wurde aber schnell klar, dass sich Shortparis nicht damit zufriedengab, die Nachfrage nach Nostalgie, postsowjetischer Exotik oder ein „Kompliziert-Sein um des Kompliziert-Sein-Willens“ zu bedienen.

 

Shortparis bei einem Auftritt 2019 (Foto: Kerrin Key (CC BY-SA 2.0))

 

Die Band machte klar, dass sie Politik wichtig findet, ohne für sich die Kategorisierung als „politische“ oder „engagierte“ Kunst zu reklamieren. Die Auftritte der Band, einstudierte Choreographie-Performance, kahlgeschorene Köpfe und androgynes Auftreten sorgten für Spekulation. Komyagin erinnerte sich später, wie häufig sie nach ihrem Verhältnis zur Skinhead-Subkultur oder der Gay-Community gefragt wurden. Doch das war erst der Anfang.

2018 wurde der Videoclip der Band zu dem Lied „Straschno“ („Furchterregend“) von den Behörden auf extremistische Propaganda untersucht. Russland war gerade im Schock nach einem Amoklauf an einer Berufsschule – da veröffentlichte Shortparis ein Video, in dem die Band mit Skinhead-Entourage und bedrohlichem Gesichtsausdruck eine Schulturnhalle stürmt, wo Arbeitsmigranten aus Zentralasien auf dem Boden schlafen. Es folgt ein mehrminütiger gemeinsamer Tanz in orientalischen Frauenkleidern auf den ausgerollten Teppichen. Der mit arabischen Untertiteln unterlegte Clip kehrt die im Titel benannte „Furcht“ um: der Furcht der Mehrheit vor Migranten wird vorgehalten, wie furchterregend ihre Gesellschaft aus der Perspektive der Migranten aussieht. „Du packst es nicht und denen gefällt es nicht (…) Es schminken sich deren Frauen, deren Kinder verstecken sich vor dir ängstlich“ singt Komyagin während des eher bedrohlich, als versöhnlich wirkenden Tanzes.

Dabei griff Shortparis einen der bekanntesten Texte (post)sowjetischer rebellischer Musik auf und an. Als sibirische Punks um Jegor Letow in den 1980ern „Wir sind Eis unter den Stiefeln des Majors“ sangen, drückte das Solidarität mit vom sowjetischen Staat bedrängten Jugendlichen aus. „Der Major möchte sie alle vernichten, seine Stiefeln kommen näher, doch er wird ausrutschen, er wird fallen – wir sind das Glatteis unter Majors Füßen“. Später wurde Jegor Letow, der Autor dieser Zeilen selber Mitglied der Nationalbolschewistischen Partei (NBP). Für Migranten war von ihm und seinen Fans keine Solidarität zu erwarten. „Eis wird nicht retten, der Major kommt näher“ heißt es im von Komyagin geschriebenen „Furchterregend“-Text.

Den Rassismus des alternativen Publikums machte Shortparis nicht nur in ihren Texten zum Thema. Bei einem Auftritt 2017 registrierte die Band abschätzige Bemerkungen der Besucher über kirgisische Arbeiter, welche die Bühne aufbauten. Komyagin kam auf die Bühne und hielt mithilfe eines Online-Übersetzungsprogramms eine Ansprache in kirgisischer Sprache: Die Band möchte sich bedanken, das folgende Konzert ist denjenigen gewidmet, die unter widrigen Umständen mit ihrer Arbeit den Bühnenauftritt ermöglichen.

In den folgenden Jahren wurde Gewalt immer mehr zum Thema von Shortparis. Die Veröffentlichung des Videos „Kak sakaljalas stal“ („Wie der Stahl gehärtet wurde“, 2019), das Szenen von Mobbing in der Armee fast wie Ballett choreographiert, fiel zufällig mit einem Amoklauf mit acht Todesopfern zusammen. Der Täter war ein Grundwehrdiener, der an seinen Peinigern Rache nehmen wollte. Die ungewollte Aktualität sorgte für neue Zensurforderungen. In einem anderen Song mit dem Titel »Hier spricht Moskau«, der eine tägliche Rundfunknachricht während des Großen Vaterländischen Krieges adaptiert, greift die Band im Refrain das Marschlied »Le Boudin« (Blutwurst) auf, Hymne französischer Fremdenlegionäre. Und im Video über das Elend in den »Schlafbezirken« russischer Städte baute Shortparis eine Parole der 68er ein: »Les structures ne descendent pas dans la rue« (»Strukturen gehen nicht auf die Straße«).

Spätestens danach wurde die Band von Freunden und Feinden als linksradikales Projekt wahrgenommen. Der Kritik, es sei doch alles nur radical chic oder umgekehrt, nicht radikal genug, begegneten Komyagin und seine Bandkollegen souverän. Politische Kunst zu machen war nie ihr Ziel gewesen. Immer wieder wiederholte Komyagin, Musik sei viel mehr Eskapismus als Politik. Musik zu machen oder zu hören kann und soll nicht politische Handlungen ersetzen. Shortparis war darin stets ein Antipode zu Pussy Riot, sowohl was den Perfektionismus betrifft, als auch in der Einordnung dessen, was sie machten. Auf die Frage, was die Welt heute am meisten gefährde, antwortete Komyagin in einem Interview: „Zu schnelle und unbedachte Antworten auf solche Fragen“. Die propagandistischen Vereinfachungen von Inhalt mied Shortparis sehr bewusst.

Shortparis konnte Aussagen machen und zugleich ästhetisch mit Uneindeutigkeit arbeiten. Doch die Musiker waren zunehmend Vorwürfen von zwei Seiten ausgesetzt. Ein Teil der Kritiker warf ihnen vor, dass ihre Musik elitäres Nischenprodukt sei, unverständlich für die Arbeiter und Migranten, deren Lage sie thematisierten. Umgekehrt gefiel den liberalen Kritikern nicht, dass die Band plötzlich ganz unpoetisch darüber singt, ob der Lohn reicht.

Dabei hat Shortparis sich nie zur „Stimme“ irgendeiner Gruppe, Bewegung oder Community erklärt. Es läuft ins Leere, ihre Werke an Maßstäben von „Authentizität“ und „kultureller Aneignung“ zu messen – es handelt sich um prinzipiell anti-authentische Kunst.

Gegen Kritiker, die zwar gierig nach Statements gegen Putin waren, jedoch in allem, was wie Kritik ökonomischer Verhältnisse wirkte, „Populismus“, „Sozialdemagogie“ oder „Instrumentalisierung der Kunst“ sahen, führte Komyagin eine geduldige, jedoch bestimmte Polemik. Das Video „Dwadzat“ („Zwanzig“) zeigt zwar Menschen in Arbeitskleidung in rebellischen Posen, doch aus dem Off ertönt eine frustrierte Stimme, die keineswegs kämpferisch „Im September – Fünfzehn [Tausend Rubel Lohn], im November – Fünfzehn, im Dezember – Fünfzehn, aber man wünschte sich Zwanzig“ sagt. Als Kulisse dienen schmutzige Wände im Gewerbegebiet, auf einer Fläche erkennt man deutschsprachiges Graffiti: „Die Entzauberung der Welt“ lautet die Aufschrift. Viele Fans zeigten sich enttäuscht, das Video sammelte weit weniger Klicks und Likes als bisherige Arbeiten der Band. Shortparis wollte sich weder elitärer Verachtung für staatsmedienkonsumierende „Normalos“ aus der Provinz anschließen, noch projektive Heroisierung der „subalternen Klassen“ betreiben.

In einem Interview mit dem liberalen Journalisten Nikolai Solodnikow erklärte Komyagin, warum das Video weder Agitprop sei, noch mit Radikalität kokettiere. Kunst thematisiert das, was Menschen emotional wichtig ist und die Frage des materiellen Überlebens gehört dazu. Auf Ratschläge, die Form zu ändern, damit diejenigen, um die es im Lied geht, nicht vom hohen Gesang Komyagins „abgeschreckt werden“ antwortete er, dass Shortparis sich nicht anbiedern wollen. Dialog auf Augenhöhe bleibt ein Ziel, stellt sich aber nicht immer ein.

Obwohl Komyagin für die Teilnahme an einer der ersten Antikriegsdemos zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde und die Band ein inoffizielles Auftrittsverbot in Russland bekam, hatte Shortparis nach 2022 mit Vorwürfen zu kämpfen, in Russland geblieben zu sein und sich nicht eindeutig genug positioniert zu haben. Die Haupteinnahmequelle wurden Auslandtouren, wo Journalisten und Aktivisten immer wieder versuchten, Parteinahmen und plakative Statements abzupressen. Von Shortparis waren jedoch keine Hasstiraden auf Putin, Konzerte unter ukrainischen Nationalflaggen, Spenden für die ukrainische Armee oder Forderungen an westliche Politiker nach mehr Waffenlieferungen zu erwarten. Sie wollten nicht als Politiker interviewt werden, sondern als Musiker.

Dabei hatten sie ihr Statement zum Geschehen noch vor Beginn der Kampfhandlungen abgegeben. Eine Woche vor dem Angriff auf die Ukraine veröffentlichte Shortparis den Videoclip »Jablonnyj sad« (Apfelgarten), produziert für ein Lied, das bereits im Sommer 2021 erschienenen war. Es wurde zusammen mit dem Fjeodor-Kozlow-Veteranenchor aufgenommen.

Shortparis macht hier von sowjetischer Optik, etwa Auszeichnungen, Uniformen, rotem Banner und rotem Stern sowie Chorgesängen zu Akkordeonmusik Gebrauch, und wendete dies mehr als deutlich gegen die Mobilisierung zum Krieg. Die Sowjetzeit mag eine Gemeinsamkeit bilden, doch die gemeinsame Vergangenheit kann vor Bedrohungen der Gegenwart nicht schützen. An die Sprache von Volksliedern anknüpfend, erklingt – während im Schnee ein Grab ausgehoben wird – die Klage: »Oh, mein Kummer/... Wo ist die Grenze, wo der Rand? / Wer hat es gesehen/ Und wohin gehörst du jetzt?« Hinweis auf das »Land am Rand«, »u kraja«, und die offizielle Leugnung der Präsenz russischer Truppen (»sie waren nie dort gewesen«) seit 2014. Weiter singt Komyagin mit vibrierender Stimme: »Das große Land schläft/ Wie ewig erscheint der Abend / Über die Kathedrale des Kreml / Geht ein Windstoß.« Der Kontrast zwischen der Unruhe in der Stimme des Solisten und der Gefasstheit der Veteranen im Refrain wird immer größer. Während auf einem verschneiten Feld rote Äpfel vor einem tiefen Graben verstreut werden, singt Shortparis: Fisch sucht nach Netz/ Körper sucht nach Ereignissen/ Geschoss wird intelligenter/ Im Verlauf des Blutvergießens“.

 

Wahrscheinlich kein Kommentar oder Interview kann der Aussage des Videos noch etwas Essentielles hinzufügen. Shortparis wurden auch nicht missverstanden. Seit Kriegsbeginn brachte die Band keine neuen Studioalben mehr raus und verlegte sich vor allem auf die Arbeit an Musik für Filme oder Theateraufführungen. Dennoch brachte sie Musikvideos heraus, deren Botschaften durchaus deutlich waren. 2022 erschien „Ghetto im See“ – eine Vertonung des Gedichts „Ruf des Sees“ des Lyrikers Andrei Wosnessenski (1933-2010) aus dem Jahr 1965. Darin verarbeitete Wosnessenski, ein Star der Poesie der „Tauwetterperiode“, seinen Schock, als ihm einmal ein bei den Anglern beliebter See gezeigt wurde, der durch Flutung einer Schlucht entstand, in der während des Zweiten Weltkrieges Massenhinrichtungen stattfanden.

In den Videos „Nowoje Nowoje“ („Neues Neues“) und „Grosdja gnewa“ („Früchte des Zorns“) geht Shortparis wieder auf den Kontrast von innerer Wut und äußerem Gehorsam ein. Im ersten Video wird körperliche Arbeit als eine homoerotische Show vor den Augen der regungslosen Arbeitgeber dargestellt, während der Text Aggression und Kraft transportiert eine Art Umkehrung von „Zwanzig“. Im Zweiten singt die Band über die Unzufriedenheit, die ein Ventil darin findet „das Vorzimmer der Vorgesetzten mit schmutzigen Schuhen zu betreten“.

Vermutlich bedeutet der Tod von Nikolay Komyagin auch das Ende von Shortparis. Die Band, die es einfach dabei hätte belassen können, ein im Westen anerkanntes Projekt aus Russland zu sein, was den Zuhörern das Gefühl gibt, etwas Gehobeneres zu konsumieren, ohne sie zugleich zu überfordern. Sie haben sich für einen anderen Weg entschieden und gezeigt, wie Umgang mit politischen Themen sein kann. Zensur und Opposition hatten es schwer, ihnen etwas nachzuweisen und doch sind ihre Aussagen unmissverständlich. Unmissverständlich muss eben nicht plakativ oder aufdringlich bedeuten.

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