Der letzte linke Kleingärtner, Teil 8

Der ewige Kampf mit dem Wasser

Während Bob Dylan ständig auf seiner »Never Ending Tour« ist, kümmere ich mich um meine ganz eigene Never Ending Story: Den Kampf mit dem Wasser. Es ist ein ewiger Kampf und deshalb episch. Mal gibt es zu viel, mal zu wenig, mal an der falschen Stelle und ein andermal stimmt der Aggregatzustand nicht. Dann nämlich, wenn Wasser in blank liegenden Heizungsrohren aus Kupfer im Winter anfängt zu frieren. Winter? Ja, ist ja klar, ich weiß, Erderwärmung und so. Aber dafür verschwindet der Winter ja nicht komplett. Und wenn dann die Temperatur nicht flugs wieder den Bereich unter null Grad verlässt, verliert das geduldige, wie leicht dehnbare Edelmetall Kupfer, das sich als Heizungsrohr sanft um dein ansonsten warmes Wasser im Heizungsrohr schmiegt, den Kampf gegen die Gewalt des Wassers und beschert unsereinem als Mieter oder Hausbesitzer jede Menge Wasser an Stellen, wo man es nicht gerne hat. Gigantisch wird es, wenn man nicht zu Hause ist und erst nach ein paar Tagen zurückkehrt. Wenn es richtig dumm läuft, katapultiert das Wasser das Haus in den Zustand der Unbewohnbarkeit. Und auch unsere Autos können vom Wasser gequält werden. Wenn beim Motor das Wasser sichtbar verdampft, ist meist der Kühlkreislauf in Schieflage geraten, was genau genommen einer Weiterfahrt im Wege steht. Ganz fies wird es für uns Autofahrer, wenn das Wasser den ihm zugewiesenen Platz – also den Kühlkreislauf – verlässt – und seine ihm zustehende Urlaubsreise zum Ölkreislauf unternimmt. Die fachliche Diagnose ist klar: Kopfdichtung kaputt. Wenn man es aber nicht rechtzeitig bemerkt, kann der Motor ordentlich Schaden nehmen, denn der Schmiereffekt von Wasser ist zwar gegeben, sonst würde man nicht an nassen Stellen ausrutschen. Aber der liegt nicht in der Liga von dem des Öls im Kreislauf des Motors.

Auch Atomkraftwerke haben oft Probleme mit dem Wasser? Wieso? Die verballern doch Uran zu Strom und nicht Wasser. Im Prinzip richtig, aber auch hier funktioniert nichts ohne Wasser als Kühlmittel. Ohne Kühlung macht es Bums und die Veranstaltung nennt sich GAU oder gar Super-GAU. 
Und da es in Teilen Mitteleuropas seit Jahren einen Zustand der Trockenheit gibt, führen die Flüsse, an denen die AKWs meist stehen, im Sommer zu wenig Wasser für die Kühlung. Also wirklich, hätte man das nur früher gewusst bei der Planung der AKWs, dann hätte man womöglich auf das ein oder andere atomare Dingsbums verzichtet und der Menschheit, also uns allen, einen großen Gefallen getan. Zumindest hätte man uns dann weniger Risiko und russisches Roulette beschert. Aber was soll die Panikmache an dieser Stelle? Es ging ja bisher alles gut – zumindest in Mitteleuropa. Beim russischen Roulette kommt schließlich nicht sechsmal hintereinander eine Kugel aus dem Lauf. Die meiste Zeit passiert gar nichts Schlimmes. Also kein Grund für Panik, wir bleiben einfach locker.

Genau genommen dürften im Sommer an Flüssen keine AKWs laufen und Kühlwasser entnehmen, weil sie es wieder ordentlich erwärmt dem „natürlichen“ Kreislauf im Fluss zurückgeben. Ordentlich erwärmtes Wasser im Sommer ist natürlich voll Kacke für die Fische im Wasser. Und der Sauerstoffgehalt des Wassers zeigt dann im Gegensatz zur Gaspreiskurve nach unten. Und wenn das eine zum anderen kommt und sich noch mit dem dritten Dingsbums verbindet, dann ist Chaos angesagt. Zu wenig und zu warmes Wasser in den Flüssen und schwups können nur noch wenig Schiffe mit wenig Ladung fahren. Drei Probleme, die uns beschäftigen werden, wenn wir so weitermachen. Wer ist hier wir? Die anderen. Ich bin schließlich für das Chaos mit dem Wasser nicht verantwortlich. Uns Kleingärtner hat keiner gefragt.
Immerhin, das in grauer Steinzeit mal in Österreich geplante AKW bei Zwentendorf wurde dank vernünftiger Menschen und Radau auf der Straße letztlich doch nicht gebaut. Trotz vorhandener Euphorie in den Planungsstäben. Dem voraus ging eine von Bundeskanzler Bruno Kreisky für den 5.11.1978 festgelegte Volksabstimmung, die aus dem Ruder lief. 

Eigentlich war alles klar für die Freunde des atomaren Wums. Die Mehrheit war laut Umfragen dafür, nur 25% waren dagegen. Und dann gelang den Gegnern des russischen Roulettes mit wenig Geld der Turnaround und sie bescherten der Gegenseite einen Wahl-GAU und der Donau ein gemütliches und ökologisch unbedenklicheres Weiter so. Damals, als sie sich am friedlichen Donauwasser vergehen wollten, begann der schleichende Untergang der österreichischen Sozialdemokratie.

Um so besser, dass ich in der Bruthitze des Sommers mein sorgfältig gesammeltes Regenwasser fein dosiert zum Wässern der kleinen Grünkohl- und Endivien-Pflänzchen einsetzte. Die Pflanzen überlebten die Trockenheit und beschenken mich aktuell mit einer üppigen Ernte. Gut, dass auf mich Verlass ist im Umgang mit Wasser. Sehr vorbildlich.

Drei Praxistipps:
1. Der Kampf mit dem Wasser ist unser aller Lebenswerk.
2. Setze den Kreml unter Wasser und der Frieden hat eine Chance.
3. Wir Kleingärtner sind Experten in allen Wasserfragen. Fragt uns. Wir helfen.

Roland Röder ist Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar e.V. (www.a3wsaar.de), einer allgemeinpolitischen NGO in Deutschland, die bundesweit arbeitet, u.a. zu Landwirtschaft, Asyl, Migration, Islamismus, Antisemitismus, Fairer Handel. Er mag den Begriff „Hobby“ nicht und lebt einen Teil seines Lebens als aktiver Fußballfan. Die Gartenkolumne erscheint auch in der Luxemburger Wochenzeitung WOXX und im Hardcore Magazin ZAP.

Kühlwasserauslauf des Kernkraftwerks Philippsburg (Karlsruhe) (Bild: Michael Kauffmann (CC BY 2.0 DE))