Was macht der Nebel im Film?

Über den Nebel im Film zwischen Symbolismus, Bedrohung und Atmosphäre schreibt Christian Klosz – und nennt einige Beispiele.

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Wer über die Einsatzmöglichkeiten von Nebel im Film (oder in Serien) nachdenkt, für den/die liegt die naheliegendste Konnotation schnell auf der Hand: Nebel symbolisiert das Unbekannte, Unheimliche, Unbewusste, Mysteriöse, Gefährliche. Das (bisher) nicht Sichtbare, das Verborgene, das sich erst zeigen wird. Kein Wunder also, dass Nebel gerade im Horror-Genre oft und gerne zum Einsatz kommt. Nebel eignet sich als »Hauptdarsteller«, nirgends ist das offensichtlicher als in John Carpenters Klassiker aus 1980, der allein durch seine Betitelung klarmacht, wer bzw. was hier das Grauen verursacht: »The Fog«.

Nebel kann aber auch als filmisches Stilmittel zum Einsatz kommen, um inhaltliche Botschaften oder atmosphärische Wirkungen zu verstärken. Als Wetterphänomen ist Nebel Teil unserer Natur, unserer Wirklichkeit, sein Auftauchen in Filmen muss daher nicht zwingend erklärt werden. Er ist »einfach da«. Oder er »taucht auf«. Diese Tatsache macht Nebel zu einem idealen Tool, der in die Bildsprache eingebaut werden kann, die oben erwähnten symbolischen Bedeutungen schwingen dabei meist mit.

Herrmann Hesse schrieb 1905: »Voll von Freunden war mir die Welt, als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, ist keiner mehr sichtbar.« Aus diesem Zitat spricht die dem Phänomen Nebel inhärente Dualität, die sich auch für die filmische Bildsprache ideal eignet: Nebel kommt und geht, es gibt ein »vor dem Nebel«, ein »im Nebel« und ein »nach dem Nebel«. Eine Phase vor der Bedrohung - oder der Unklarheit -, den Zustand an sich, und die (mögliche) Zeit danach, in der wieder Klarheit herrscht, in der das sichtbar wird, was verborgen war, manifest oder symbolisch.

Im Folgenden sollen einige Filme vorgestellt werden, die »Nebel« auf unterschiedliche Weise filmisch nutzen, einer idealtypischen Kategorisierung folgend, deren Übergänge fließend sind, denn in den meisten Fällen erfüllt der Nebel eine mehrfache Funktion.

»The Fog« oder: Nebel als Bedrohung

Wer sich mit dem Komplex »Nebel im Film« befasst, kommt natürlich an John Carpenters Horror-Klassiker aus 1980 nicht vorbei. Der Film erzählt – in Tradition der klassischen Schauergeschichten – von einem vor langer Zeit versunkenen Schiff, dessen Besatzungsmitglieder »von den Toten auferstehen«, Rache üben wollen und eine kleine US-Küstenstadt in Angst und Schrecken versetzen. Der Film beginnt damit, dass ein alter Seewolf Kindern die Geschichte des alten Schiffs erzählt, die als Märchen und Legende existiert. Das Grauen ist da noch eine abstrakte Idee, die »wohligen Grusel« auslöst, der nächtens am Lagerfeuer zur allgemeinen Unterhaltung dient. Schon bald wird aber aus dem Schauermärchen eine manifeste Bedrohung - und ein unheimlicher Nebel, der über das Meer Richtung Küste zieht, kündigt sie an. In »The Fog« dient der Nebel einerseits selbst als Protagonist, andererseits birgt er die tatsächliche Gefahr – er bringt quasi als immaterielles Schiff oder als eine Art Gemeinschaft der Untoten unheimliche Gestalten mit sich, zombiehafte Seeleute, die eine Spur des Blutes hinterlassen.

Carpenter hält sich aber mit Symbolismus zurück, der Nebel selbst steht im Mittelpunkt, wird ästhetisiert (unterlegt vom ikonischen Soundtrack) und hat atmosphärische Wirkung. Aber Carpenters Film zeichnet sich nicht gerade durch (psychologische) Tiefgründigkeit aus, »The Fog« ist ein Genre-Film, der Horror und Schrecken darstellen will, dessen Fokus auf Stil und Oberfläche liegt und weniger auf dem Inhalt.

Ein aktuelleres Beispiel eines Films, der den Nebel zum Protagonisten macht, ist »The Beach House« von Jeffrey A. Brown, eine Shudder-Produktion aus dem Jahr 2020. Der Horror-Film erzählt von zwei Paaren, die Urlaub in einem Strandhäuschen machen, als ein seltsamer Nebel um sich greift, der bei Einatmung tödlich wirkt. Noch eindeutiger als in »The Fog« ist hier der Nebel selbst die todbringende Entität, die Manifestation des Grauens. »The Beach House« reichert seinen klassischen Horror-Plot um eine gesellschaftskritische Ebene an: Der toxische Nebel wird durch Mikroben freigesetzt, die plötzlich am Stand auftauchen – und die in Folge der globalen Erwärmung aus Tiefsee-regionen freigesetzt wurden. Der Nebel ist zwar selbst das Grauen, verweist aber auf ein anderes, größeres Thema, das durch den Nebel repräsentiert wird.

»Casablanca« oder: Nebel als atmosphärisches Mittel

Der bei weitem gängigste Einsatz von Nebel im Film ist jener als »Prop«, als atmosphärisches Stilmittel oder als erzählerisches Mittel, um Stimmungen, die transportiert werden wollen und sollen, zu verstärken – oder überhaupt zu evozieren. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist natürlich die Schlussszene von »Casablanca« (1942), als sich Rick und Ilsa am Rollfeld Goodbye sagen.

Wobei: Der eigentliche Grund für den Einsatz des Nebels war ein anderer. Zum Zeitpunkt des Drehs tobte der Zweite Weltkrieg, es gab strenge Beschränkungen bezüglich Aufnahmen in der Nacht, bei Dunkelheit durfte nicht gedreht werden. Daher veranlasste Regisseur Michael Curtiz, die Szene am Flughafen im Studio zu drehen. Dafür wurden zwei Replikate von Lockhead-Maschinen genutzt, die nur einen Bruchteil der Original-größe der Flugzeuge hatten, die Bodencrews wurden von kleinwüchsigen Darstellern verkörpert.

Um das zu verschleiern, so gut es geht, und die Illusion von Nacht und Dunkelheit bestmöglich hinzubekommen, wurde ausgiebig mit Nebel gearbeitet. Aus der Not wurde eine Tugend: Neben seinem ursprünglichen, praktischen Nutzen trug der in »Casablanca« en masse eingesetzte Nebel einen großen Teil zur atmosphärischen Stimmung des Filmendes bei, das bis heute als eines der ikonischsten der Filmgeschichte gilt.

Ein anderes Werk, das ausgiebig mit Nebel als »atmosphärisches Mittel« arbeitet, ist »Valhalla Rising« von Nicolas Winding Refn: Der dänische Filmemacher schuf damit 2009 ein düsteres, stilschweres Epos vor dem Hintergrund der Besiedlungsgeschichte Amerikas. Unterlegt ist der Film mit einem grimmigen Drone-Score, der die atmosphärischen Bilder wirkungsvoll unterstützt. Refn arbeitet mit alptraumhaften, verfärbten Bild-Ton-Kompositionen – und mit jeder Menge Nebel, der die düstere, mythische Stimmung weiter verstärkt.

Der Nebel ist in »Valhalla Rising« gewissermaßen auch ein Protagonist, dem aber keine handlungsbezogene Funktion zukommt, sondern vielmehr eine stilgebende. Er wird bewusst als Stilmittel eingesetzt, um die künstlerische Vision des Filmschöpfers zu verwirklichen.

Ganz ähnlich macht das übrigens auch Robert Eggers in »The Lighthouse« aus 2019: Der exzessiv zum Einsatz kommende Nebel (und noch mehr das kreischende Nebelhorn!) sollen die düstere, undurchdringliche Atmosphäre verstärken, das Gefühl der nebelhaften Isolation, die die beiden Wärter umschließt, die in einem Leuchtturm festsitzen.

»The Mist« oder: Nebel als Symbol

Der zweite US-Film neben »The Fog«, der den Nebel bereits im Titel trägt, ist »The Mist« (2007) von Regisseur Frank Darabont nach einer Vorlage von Steven King, bei uns auch als »Der Nebel« veröffentlicht. Im allgemeinen Bewusstsein gilt Carpenters Klassiker »The Fog« als der ultimative »Nebel«-Film, dabei ist Darabonts King-Adaption bei genauerer Betrachtung der bessere, in jedem Fall tiefgründigere Film.

»The Mist« handelt von einem mysteriösen Nebel, der sich plötzlich über eine US-Kleinstadt legt. Ein Vater und sein Sohn werden mit anderen Einwohnern in einem Supermarkt eingeschlossen, als der Nebel zu einer völlig undurchdringlichen Suppe wird. Der Vater und andere werden Zeugen einer Attacke einer seltsamen Kreatur, die aus dem Nebel kam, auf einen Supermarkt-Mitarbeiter, doch ihnen wird nicht geglaubt, ihre Erzählung wird als »Panikmache« abgetan. Erst als weitere dieser Kreaturen auftauchen und in den Supermarkt eindringen, wird allen klar, dass man es hier mit einer unmenschlichen, übermenschlichen Bedrohung zu tun hat. Die einen flüchten sich in christlich-apokalyptischen Endzeit-Eifer, der nach Schuldigen sucht, die anderen suchen nach einem Ausweg aus dem Supermarkt – und dem sicheren Tod.

Vordergründig ist »The Mist« ein Horror-Survival-Thriller mit beachtlichen Effekten, in denen der Nebel selbst – wie in »The Fog« – eine andere, noch größere Bedrohung birgt. Im Kern aber ist Darabonts unterschätzter Film eine existenzialistische Parabel über das »Tier Mensch«, das im Angesicht einer nicht fassbaren, ja nebulösen Bedrohung jegliche zivilisatorische Restriktionen und menschliche Qualitäten über Bord wirft. Der Ungewissheit und dem Tod ins Auge sehend, reagieren manche der im Supermarkt Gefangenen mit Ungläubigkeit und Rationalisierung, andere mit Angst und Panik, manche mit Verdrängung, wieder andere mit der Flucht in Verschwörungstheorien – die Aktualität des Films ist angesichts unseres Umgangs mit der Corona-Pandemie oder der Klimakrise nicht von der Hand zu weisen.

Auch, wenn es in »The Mist« eine konkrete Bedrohung gibt (Wesen aus einer anderen Dimension), ist der Nebel symbolisch aufgeladen, viel mehr als in den anderen erwähnten Filmen: Er steht für das Ungewisse, eine nicht fassbare Bedrohung, und am Anfang ist es diese Ungewissheit, die die Protagonisten des Films in den Wahnsinn treibt. Der Nebel versperrt die Sicht, niemand weiß, welche Gefahren er (noch) birgt, wie weit er sich ausgebreitet hat, was er alles versteckt und verschluckt hat. Man könnte sagen: Der eigentliche Horror ist diese Ungewissheit, die fehlende Erklärung für das, was vor sich geht.

Der Umgang der Figuren des Films mit dieser Situation offenbart ein zutiefst pessimistisches Menschenbild: Anstatt zusammenzuhalten und zusammenzuarbeiten, um eine gemeinsame Lösung zu finden, spalten sich die Menschen in Gruppen auf, die sich feindlich gegenüberstehen und auch vor Gewalt gegeneinander nicht zurückschrecken. Man kann »The Mist« durchaus einen Hang zum Melodramatischen vorwerfen, aber wie wir inzwischen wissen, ist dieser Fantasy-Thriller um einiges realistischer, als man zum Zeitpunkt seines Erscheinens vor fast 20 Jahren wohl gedacht hätte.

Auch Denis Villeneuves 2016 erschienener Film »Arrival« bedient sich eines symbolischen Einsatzes von Nebel, allerdings auf andere Weise: Auch hier gibt es eine extraterrestrische Bedrohung, Wesen, die plötzlich auf der Erde auftauchen und deren Intentionen erst unklar sind. Der Film handelt im Kern von Kommunikation und der Notwendigkeit derselben, die Voraussetzung für die Koexistenz der Aliens und Menschen ist. Der Nebel, aus dem die außerirdischen Wesen bei den Versuchen der Kontaktaufnahme auftauchen, symbolisieren diese Ungewissheit bezüglich ihrer Intention und die anfängliche Unmöglichkeit der Kommunikation. Dieser Nebel sollte sich später lichten, das Ende von »Arrival« ist ein optimistischeres als jenes in »The Mist«.

Zum Schluss ein besonders interessantes Beispiel für den Einsatz von Nebel: Christopher Nolans oft wenig beachteter Thriller »Insomnia« aus 2002. Der Nebel ist hier sowohl handlungsbestimmender Faktor, atmosphärisches Mittel und symbolisch aufgeladene Entität. Er
symbolisiert die Schlaflosigkeit des von Al Pacino verkörperten Protagonisten, eines Detektivs, der nach Alaska gerufen wird, um einen Mordfall zu lösen. Er dient als Mittel, den tristen, kalten, unwirtlichen Charakter der Gegend zu unterstreichen. Er symbolisiert außerdem die Undurchsichtigkeit des vorliegenden Falles und das Im-Nebel-Tappen der Ermittler. Und nicht zuletzt wird im Nebel ein tödlicher Schuss abgegeben, der den Falschen trifft – ein Ereignis, das den weiteren Verlauf der Handlung prägt.

 

Alle Filme sind auf Disc oder als Video on Demand bei diversen Anbietern online verfügbar.

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