Journalistischer Katechismus: Drittes Hauptstück, Band I, Teil III

Der Journalistische Katechismus ist eine Handreiche für all jene, die dauernd irgendwas mit Medien machen und darum keine Zeit haben, Machiavellis Il Principe zu lesen. Deshalb erscheint er auch häppchenweise in Serie.

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Das dritte Hauptstück in Band I, Teil III handelt vom übernatürlichen oder außerordentlichem Wege.

Was wird unter dem übernatürlichen Wege verstanden?

Ein Zustand, worin der Press-Mensch von dem journalistischen Geiste auf eine besondre Weise so geführt und getragen wird, daß er beinahe nichts aus eigener, natürlicher Bewegung thut.

Warum nennt man diesen Weg einen übernatürlichen oder außerordentlichen?

Um ihn von dem gemeinen oder häufiger betretenen Wege zu unterscheiden, wo die Wirkung der Publikumsgunst nicht so offen zum Vorschein kömmt. Denn obgleich jedes Werk, das wir mit Hilfe des journalistischen Geistes zu Stande bringen, übernatürlich – weil eine Wirkung der Publikumsgunst – ist, so kann doch nicht geläugnet werden, daß der Einfluß und die Wirksamkeit der Publikumsgunst nirgendwo so offenbar hervorleuchte, als auf diesem außerordentlichen Wege, welcher unläugbar die Kräfte der Medienlandschaft übersteigt. Der gemeine, ordinäre Weg akzeptiert beispielshalber, dass Journalismus keine Ausgeburt allwissender Laplacescher Dämonen ist und die bare Münze leicht zur betrügerischen Krida an der Wahrheit wird. Dementsprechend vertrauen die, die diesen Weg beschreiten, nicht auf göttliche Eingebung (aspiratio), sondern problematisieren die Quellen.1

Der außerordentliche Weg ist dagegen assertiv in seinem Wahrheitsbesitz und unbeleckt von Selbstzweifeln.2 So wie die besten Schneider nach landläufiger Ansicht am wenigsten wissen (»dumm flickt gut«), sind Medien am überzeugendsten, je blickdichter ihre Blendklappen sind.

Der ordentliche Weg begnügt sich damit, über die Schrecken der Welt zu berichten, eingedenk der Verheißungen, denen sie in ihrem Zustand nicht gerecht werden kann – ohne die Diskrepanz zwischen Sein und Sollen jedoch als Ritterschlag der eigenen Profession zu sehen, der den Auftrag zur Erziehung des Publikums birgt.

Der außerordentliche Weg will die Welt hingegen aufrütteln und verbessern, kann allerdings nur Einverständnis mit ihr erzeugen: So verschafft kein Zeitungskommentar vom Predigtstuhl wunschgemäß Einfluss darauf, ob der Sermon das Publikum dazu bringt, die Himmelspforten zu stürmen – sehr wohl kann er es aber dazu motivieren, sich im irdischen Jammertal einzurichten und jede neue Barbarei mit Schulterzucken zu quittieren. Die schöne neue Welt, die solch engagierte Press-Menschen trägt, kann eo ipso keine schlechte sein. Ein Erfolg auf ganzer Linie, wenn allein das Auftreten zählt – wer dagegen trostlose Distanz wahrt, ist removed from reality und verteidigt das Regelwerk alt gewordener Spiele.

Gibt es wohl irgend eine kunstgemäße Weise (Methode), um zu diesem Wege zu gelangen?

Der höchste Weg besteht in den extispicii trumpi - den Eingeweideschauen, welche Hirnflatulenzen des Königs von Amerika zum Gegenstande haben (respektive jedes anderen zynischen Gernegroß, der autoritär genug ist, um als Regierungsmacht über sich selbst zu lachen).3 Zum einen lässt sich diese Welle leicht und deppensicher reiten – gleich einem untoten Roß. Viel wichtiger ist zum einen das Gefühl moralischer Erhebung über die rohe Erbarmungslosigkeit der Digitaldekrete, das sich aber mit dem Ausagieren einer Art von Passivsadismus paart, der – in spezifischer Differenz zum Masochismus – sich daran labt, wenn anderen Leid zugefügt wird. Abgesehen davon: Wer ist nicht gerne in Echtzeit dabei, wenn Geschichte gemacht wird (und sei es in Form eines Groschenromans). An den Zitzen des Zeitgeistes zu zutzeln ist besonders reizvoll für jene, die das Maul nicht voll genug nehmen können.

Nach welcher Ordnung pflegen die, welche auf diesem Wege gehen, darauf fortzuschreiten?

Sie steigen gleichsam durch drei Stufen aufwärts. Auf der ersten Stufe thut das journalistische Gemüth Alles, was es immer thut, einzig und allein getrieben vom Glutkern der Integrität: Follow the lead, vertrete das public interest etc. pp. Auf der zweiten Stufe scheint es in seiner Thätigkeit gewisser Maßen abgestorben zu seyn, und gar nichts zu thun, um desto ungestörter den verlegerischen Geist handeln zu lassen. Auf der dritten endlich empfängt es ein neues Leben mit einer größeren Wirksamkeit als je.

An welchen Zeichen merkt man, daß das journalistische Gemüth zu der ersten dieser Stufen gelangt sey?

Man kennt dieß vornehmlich aus drei Zeichen: Das erste ist eine tiefe Aufdeckungsfreude, die sich gründet in einem tiefen Unfrieden und in einer süßen Unruhe. Das zweite Anzeichen des außerordentlichen Weges ist eine gewisse Vertraulichkeit zwischen Quellen und den wissbegierigen journalistischen Ohren, in die sie münden. Das dritte Zeichen ist eine standhafte und durch redaktionellen Corpsgeist gefestigte Palaver-Treue und Angewöhnung, den Bewegungen der Story zu gehorchen, und nimmermehr den Neigungen zu Gewissensbissen nachzugeben.

Worin besteht die zweite Stufe des außerordentlichen Weges?

In der Erkenntnis, dass Integrität nicht der kürzeste Weg zum eigenen Türschild ist und Journalismus weder für die Arbeit von Ermittlungsbehörden gebaut ist, noch auf das raging dumpster fire einwirken kann, das aus dem erodiert ist, was im bürgerlichen Zeitalter als Öffentlichkeit galt.

Welches ist die dritte Stufe des außerordentlichen Weges?

Die dritte – und wichtigste – Stufe erklimmen jene, die den Schritt von la misère du monde zu le monde de la misère tun und dieser mit positive journalism gleich das Remidium verabreichen. So lässt sich dem Privaten zudem ein Rest von Politischem auspressen: Etwa durch Berichte über Selbstversuche (ein Monat ohne Auto, ein Jahr ohne Verpackungsmüll, etc.) Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern die (Er)Lösung lebt in mir.

Bonus-Sentenz: Als journalistische Prime Directive muss gelten: »Acknowledge the Fog!«

 

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[1] »There’s a constant stream of unverifiable information coming out of Gaza.« (David Horovitz, Gründungsherausgeber der Times of Israel im Gespräch mit Yehuda Kurtzer im Podcast Identity/Crisis, Ausgabe »Journalism in the Fog of War«, 22.07.2025)

[2] »Das wissen wir alles schon.« [Anm. Lies: »Natürlich wissen wir das«] (Armin Wolf, ZiB-2-Anchor im ORF im Gespräch mit IKG-Präsident Oskar Deutsch, 29.07.2025)

[3] Vgl. Vladimir Safatle (2025), Zynismus und das Scheitern der Kritik.